Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Staat und Erziehung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 343 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Staat und Erziehung Und doch muß auch sie in mehrfacher Hinsicht verneint werden. Zunächst bietet der moderne Staat keine Gewähr für ein klares einheitliches Erziehungsziel. Er ist zugestandenermaßen voll innerer Gegensätze und Widersprüche, und die staatliche Willensbildung kommt zustande, indem bald diese, bald jene Machtgruppe sich das Übergewicht verschafft Eine jede wird versuchen, ihren Willen dem Volk auch auf dem Weg der Erziehung aufzuzwingen, und wenn auch dank dem Schwergewicht und der Trägheit, die einmal bestehenden Einrichtungen und somit auch unserem Schulwesen inne wohnt, eine gewisse Stetigkeit und Dauer der Erziehungsmethode gegeben ist, so werden die Kämpfe um die Macht doch nicht spurlos an der Schule vorübergehen, sondern da ein Stück abbröckeln und dort ein Stück ankleben, sodaß das Ergebnis — ein Gemisch von Kompromissen — das Fastnachtskleid eines Hanswursts an Buntscheckigkeit übertrifft Es wird als treues Abbild der um die Macht über die Schule ringenden Schichten alle Widersprüche derselben an seinem Leibe tragen und seiner Bestimmung gemäß den eigenen unausgeglichenen Geist den jungen Seelen einimpfen, um der formalen Einheit willen die Zwiespältigkeit und Zerrissenheit unseres Volkes verewigen helfen. Zustände, wo Lehrer aller Parteirichtungen gleichzeitig und gegeneinander die Jugend für ihre Welt zu gewinnen suchen, machen die Schule zu einem wahren Hexenkessel Dem Staat wird aber auch deshalb die Befähigung abzusprechen sein, weil er gar zu leicht in Versuchung kommt, das Erziehungsziel zu verfälschen.' Solange er sich selbst als letzten Sinn und Zweck des Daseins betrachtet, und sich das Recht anmaßt, alles sich und seiner Machterweiterung dienstbar zu machen, wird er auch die Erziehung seiner Mitbürger ausschließlich oder doch in erster Linie von dem Gesichtspunkt aus leiten, sie für sich brauchbar, gefügig und tüchtig zu machen. Nun ist die Erziehung zum guten Staatsbürger ein durchaus erstrebenswertes Ziel. Der Staat ist keine willkürliche Organisation, so wenig wie die Familie. Er ist im Wesen des Menschen begründet, ist notwendig, ist von Gott gesetzt, freilich neben anderen ebenso notwendigen Einrichtungen, an denen er seine Grenzen findet, wie umgekehrt diese an ihm. Wogegen man sich wehren muß, ist die Meinung, als ob der Mensch im Staat aufgehe. Das ist unrichtig, insofern der Staat für den Menschen und nicht der Mensch für den Staat da ist, aber auch insofern der Mensch weit über den Staat hinausgreift und noch in anderen, zum Teil überstaatlichen höheren Reichen wurzelt Wo 343