Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Staat und Erziehung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 340 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Otto Melier Und doch handelt es sich dabei nicht um eine Tatsachen-oder Machtfrage, sondern um eine sittliche Frage, die nur aus dem Wesen der Erziehung und des zu Erziehenden entschieden werden kann. Daß es Rechte auch dann gibt, wenn keinerlei Macht besteht, sie durchzusetzen, daß es unverlierbare und unveräußerbare Rechte gibt, die allemal auch entsprechende Pflichten in sich schließen, will in der Zeit der Macht- und Erfolgsanbetung niemand mehr glauben. Aber noch bringt bei uns nicht der Staat die Kinder zur Welt, — der Homunculus ist einstweilen eine Phantasmagorie — sondern sie wachsen im Schoß der Mutter, und wie sie zunächst mit dem sie hegenden Leib aufs innigste verbunden sind, und sich erst allmählich von ihm lösen, und wenn endlich äußerlich von ihm getrennt, noch lange Nahrung von dem mütterlichen Organismus beziehen, so lebt das Kind als geistig - seelischer Embryo noch jahrelang im Schöße seiner Familie, in dem es bis zu seiner vollen Selbständigkeit, sein persönliches Gepräge empfängt Die Familie ist die Bildnerin, dort werden seine leiblichen und seelischen Bedürfnisse befriedigt, dort wird ihm Nahrung und Kleidung gereicht, dort wird ihm mit dem Leben zugleich Sprache, Glaube und Sitte geschenkt Sie ist der Wurzelboden für das Kind und für seine gedeihliche Entwicklung so wesentlich wie das Erdreich für die Pflanze. Wenn nun Entwicklung der Anlagen und nicht ihre Verdrängung und Unterdrückung das Ziel einer gesunden Bildung sein muß, so ist zu bedenken, daß zu dem, was in uns angelegt ist, mehr gehört als das im Blut Empfangene, daß dazu auch das geistig-seelische Erbgut der Familie zu rechnen ist, die selber wieder in einem Umfassenderen, im Volk, wie dieses in der Menschheit, wurzelt Der Zusammenhang des Einzelnen mit der Familie ist deshalb nicht zufällig oder äußerlich, sondern notwendiger und organischer Natur. Die Familie ist in uns hineingewachsen, wie wir aus ihr herauswachsen. Wir tragen sie im Blut und in der Seele, und sie verleugnen heißt das Erbgut, die Erbanlage in uns vernichten wollen. Das ist der Sinn des vierten Gebots: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß du lange lebest und es dir wohlergehe auf Erden." Die Vergangenheit ist nicht tot, wir tragen sie gegenwärtig und lebendig in uns herum. Sie ist mehr als Fundament, auf dem wir stehen, sie ist der Lebensbaum, der in unserem Blut- und Nervengeäst sich ausbreitet Und wer sich gegen ihre Autorität vergeht, vergeht sich gegen die Struktur seines eigenen Lebens. 340