Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 336

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
Date
1925-08-01
Page
336 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895451-2895455-2896067--00394-2896185
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Selma Stern Talmud, der Kabbala und mit Beten verbrachte. Seine Matter trieb indessen einen Hausierhandel, von dem sie ihn und die drei Kinder kümmerlich ernährte. Sie machte freilich dem Manne manchmal Vorwürfe, wenn sie mit leeren Händen heimkam und die Kinder ohne Abendbrot ins Bett legen mußte. Aber sie weinte bitterlich dabei. Denn es tat ihr in der Seele leid, den Mann zu betrüben, den sie voll Entsagungs- und Aufopferungswilligkeit liebte.-- Und in seiner wunderschönen Novelle: „Der Vater und der Sohn" erzählt Schalom Asch von Sara Gitel, der Frau des Rabbi Jechiel Meir, eines armen, gequälten, schmächtigen, häßlichen, aber gläubigen Mannes. Sara Gitel geht den ganzen Tag in die Häuser mit Bündeln voll gewirkter Ware, um den Lebensunterhalt für den Gatten zu erwerben. Sie ist zwar selbst bewandert in den „kleinen Buchstaben" und liest am Sabbath in der Weiberschule den anderen Frauen das Gebet vor. „Doch weiß sie auch, wie nichtig sie ist gegenüber Rabbi Jechiel, ihrem Gatten, denn das Weib ist nur erschaffen, um ihren Gatten zu ernähren, damit er in Ruhe sitzen und sich der Thora widmen könne — und darum wird sie auch in der künftigen Welt ihren Lohn empfangen, ein Fußschemel ihres Gatten zu sein im Garten Eden. Und weil sie ihn so schätzt, empfängt sie in Liebe die Nöte und Bedrängnisse des harten Erwerbs und klagt, Gott behüte, nicht darüber; den ganzen Tag arbeitet sie wie ein Lastesel, jede Kopeke kostet sie Blut ihres Herzens, doch zu ihrem Manne spricht sie nicht davon, um ihn nicht zu betrüben." --- So ist es nicht so sehr ihr eigenes Schicksal, das diese Frauen erleben, sondern das Schicksal ihres Volkes. Von den wenigen Schriftstellerinnen und gelehrten Frauen der deutschen Ghettozeit hat außer der Glückel von Hameln keine einzige sich mit dem Problem ihres eigenen Lebens beschäftigt Sie schrieben, wie Rebbeka Tiktiner, wie Taube Pan, wie Hanna Aschkenasi religiöse Gesänge, Sittenbücher und moralisierende Predigten oder waren, wie Mirjam Shapira, wie Fromet Ahrweiler, wie Hendel Cohen und Eva Bacharach Erklärerinnen und Auslegerinnen rabbinischer Schriften. Auch die einzige Glückel hat, so genau sie uns über ihr eigenes Loos, das ihrer Kinder und Kindeskinder aufklärt, ebenso eingehend die Angelegenheiten ihrer Gemeinschaft behandelt Wir erfahren Zuverlässiges über das Schicksal der Hamburger, der Altonaer Gemeinde, ihrer Bedrängnisse durch die 336

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.