Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 332 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern mußten sich redlich mühen, um den Lebensunterhalt zu erwerben. Und doch hat es in ganz Hamburg kein glücklicheres und lieberes Paar Volk gegeben als sie. Und der plötzliche Tod ihres Mannes, „der Krone ihres Hauptes", der „Freude ihres Herzens" wirft sie vom Himmel auf die Erde. Sie glaubt, ein Königreich verloren zu haben, und alle Trostworte machen ihr Leid noch größer--- Diesen Glauben an den Mann, dem sie untertänig sein und vor dem sie Achtung haben soll, begleitet die Ghettofrau durch das Leben. Er ist der Vermittler zwischen ihr und Gott „Du warst nichts", heißt es in einer hebräischen Dichtung von der Frau, „er wird aus dir was machen". Trotzdem waren diese Frauen nicht willenlose Geschöpfe ihres Mannes. Im Gegenteil! Nie war die Jüdin so sehr Gehilfin, Vertraute, Beraterin des Mannes als in jener Zeit, da sie von morgens bis abends rechnend und wägend hinter dem Ladentisch stand und mit hellen, nüchternen Augen, ohne Sentimentalität und Illusion die Wirklichkeit betrachtete. Nie war sie so aktiv, so kräftig, so resolut und mannlich als in jenen Tagen, da die Schwere des Existenzkampfes, die Sorge um das Geld, ihrer einzigen Waffe, sie zur hervorragenden Berufsfrau machten. Die Glückel von Hameln erzählt, daß ihre Großmutter ein Pfandleihegeschäf l betrieb, ihre Mutter sich durch das Klöppeln von Gold- und Silberspitzen ernährte, auch eine Anzahl junger Mädchen beschäftigte. Sie erwähnt auch eine Frau Esther Spanier, die mit ihren Waren auf den Kieler Umschlag fuhr. „Sie hat gut geredet und Gott hat ihr Gunst gegeben in den, Augen derer, die sie sahen. Adlige Damen in Holstein haben sie sehr gern gemocht". Glückel selbst war zu Lebzeiten ihres Mannes in alle Geheimnisse seines Berufes eingeweiht Im Mittelpunkt ihrer Interessen stehen die geschäftlichen Sorgen des Gatten, des Vaters, der Freunde. Sie hilft fleißig ihrem Manne, der zuerst „auf Pfänder lieh", später mit Edelsteinen und Perlen handelte. Mit genauester Sachkenntnis schildert sie die Lage am Edelstein- und Perlenmarkt, die Gründe für die Ausdehnung ihres Betriebes, die Ursachen der finanziellen Schwierigkeiten, der Geschäftsprozesse. Nach dem Tode ihres Mannes übernimmt sie mit Selbstverständlichkeit die alleinige Leitung des ausgedehnten Unternehmens. Es ist bezeichnend für die männlich energische Art dieser Frauen, wie sie trotz ihres Kummers mit einer tapferen Selbstbeherrschung sich aufrafft, einen Ausverkauf ihres Warenlagers 332