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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 330

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
Date
1925-08-01
Page
330 (sequence 7)
Language
German
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Selma Stern „Wer kein Weib hat, der ist kein Mensch." „Wer kein Weib hat, dem fehlen fünf Stücke, nämlich der Segen, das Leben, die Freude, die Hilfe, das Gute." Denn Gott segnete sie (Mann und Weib). Und es lehrt die heilige Schrift, des Lebens zu brauchen mit dem Weib, das man heb hat Diese hohe Wertschätzung der Ehe auf der einen, die Angst vor einem unkeuschen Leben auf der andern Seite brachte es mit sich, daß man Knaben und Mädchen fast noch als Kinder verheiratete. Den für uns typischen Jungmädchenstand kannte das Ghetto ebensowenig wie die freie Liebeswahl der Frau. Die Glückel von Hameln erzählt in ihren schönen Memoiren, dem einzigen Kulturdokument jener Zeit, daß man sie mit zwölf Jahren verlobte, natürlich ohne sie zu fragen, und mit vierzehn Jahren mit einem ihr völlig unbekannten Manne verheiratete. Verwandte, Freunde oder der berufsmäßige Vermittler, auch der Rabbiner, brachten die Ehe zustande, wobei das Ansehen und das Geld der Familie, nicht die Persönlichkeit der Kinder die Hauptrolle spielten. „Der Kauf wird", wie Schudt in seinen »Jüdischen Merkwürdigkeiten« schreibt, „richtig, wie viel der Braut Eltern und wie viel des Bräutigams Eltern hergeben wollen, damit die angehenden Eheleute ihren Handel und Schacherey mit solchem Geld anfangen können, welches Geld dann noch vor Vollziehung der Hochzeit muß erleget sein, sonst gehet der Kauf zurück." Trotzdem sind diese Ehen, deren Beginn man mit glanzvoller Festlichkeit und vielem Zeremoniell feierte, in der Regel glücklich gewesen. In der gemeinsamen Sorge um ihre Existenz, um die Erziehung der Kinder, in gemeinsamer Erfüllung der religiösen Vorschriften verwuchsen die jungen Ehegatten harmonisch miteinander. Indem man die Ehe als heilige Institution zu Ehren der Gottheit, zur Erhaltung der Gattung auffaßte, wird die Persönlichkeit des Ehegenossen beinahe eine Unwesentlichkeit. Die Frau, die am Tage ihrer Hochzeit ihr Haar unter dem Scheitel verbirgt, um es für immer den Blicken fremder Männer zu entziehen, wird gern und willig das Eigentum ihres Mannes. Man hat deshalb sehr schön die Haube das „Symbol der Häuslichkeit und züchtigen Sittsamkeit" genannt und an jenen Vers erinnert, daß „alle Herrlichkeit der Königstochter im Innern ist". In der sonst so düsteren, poesielosen Zeit des Ghetto hat es eine wunderschöne Poesie der Ehe gegeben, wenn auch kein Lied sie verkündet hat Denn auch für den Mann war die Ehe heilig und unantastbar. Der Ehebruch, wie er im alten Hellas und im Mittelalter oft eine Selbstverständlichkeit war, wäre 330

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