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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 329

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
Date
1925-08-01
Page
329 (sequence 6)
Language
German
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Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter durchdringen, geben sie ihrem inneren Leben Erhebung und Weihe und den festen Anker in jeder Not Und diese Religion ist das Zentrum, von dem aus das Leben der Ghettofrau ernst und streng bestimmt wird. Wie sie ihre Beziehungen zu Eltern und Geschwistern, zu Mann und Kindern regelt, ihre Pflichten als Gattin und Mutter vorschreibt, so regelt sie auch ihre Phantasie, ihr Gefühl, selbst ihr Liebesleben und die Mutterschaft Die Ausbildung einer eigenen Frauenkultur, wie sie die Dichterinnen' und Hetären im alten Hellas, die Nonnen und Ritterfrauen im Mittelalter, die großen Amoureusen und gelehrten Frauen der Renaissance schufen, hinderte die starre Dogmatik und das Einerlei dieses Frauendaseins, dem Verlobung, Hochzeit, Schwangerschaft und die Versorgung der Kinderschar das Gepräge geben. Der Minnesang, die Werbung, Probleme der Liebe und Ehe, diese ureigensten Frauenprobleme, waren der Ghettojüdin unbekannt „Wo alle Menschenliebe", um mit Augustin zu reden, „überströmt wurde von der allmächtigen Liebe Gottes", war kein Raum für eine romantische Verherrlichung der Frau. Ihr einen „höheren Wert', eine „symbolische Weihe" zu geben, sie als „Verkörperung göttlichen Wesens" zu betrachten, hätte man als eine Beeinträchtigung des „amor dei", der Liebe zu Gott empfunden. Zudem schloß die strenge Enthaltsamkeit, die man vom Unverheirateten forderte, die asketische Absonderung der Geschlechter, die Verachtung der Sinnlichkeit, die Heiligsprechung des Geistes auf Kosten des Körpers eine Erotik im modernen Sinne aus. Auch das „Hohe Lied", diese „herrlichste Sammlung Liebeslieder, die Gott geschaffen hat", wurde in „höhere Verhältnisse" gehoben und erhielt religiösen Charakter und allegorische Bedeutung, so daß es ihnen die Vermählung Gottes mit seinem Volke Israel versinnbildlichte. Freilich stand auch der Mann im Mittelpunkt des jüdischen Frauendaseins. Aber der Mann nicht als Erfüller letzter Sehnsucht, als Erlöser aus seelischer Gebundenheit, sondern der Mann als Stifter der Familie, als Vater der Kinder. Denn die Ehe war eine heilige Vorschrift der Religion, die zu erfüllen Aufgabe eines jeden Juden war. Nur durch sie vermehrte man Gottes Ebenbild auf Erden, erzeugte man eine Nachkommenschaft, die die Lehre der Thora verkündete. 329 21

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