Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 328 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern fehlten. Es war keine einfache Übertragung, sondern eine eigenartige, naive, philosophische Umschreibung der Bibel, vermischt mit Anekdoten, Parabeln und Legenden, mit „Engelmärchen und Märtyrerhistorien" aus der Vergangenheit des jüdischen Volkes. Da war das Masse-Buch, das im Jahre 1602 in Basel erschienen war, „eine Sammlung von allerhand Geschichten der jüdischen Folklore aus dem agadischen und rabbinischen Schrifttum", aber auch Erzählungen aus deutschen Büchern und Wundergeschichten berülimter Kabbalislen enthaltend. Da gab es fromme Andachtsbücher, Ritualbücher, Erklärungen religiöser Vorschriften, ernste Moralschriften wie das „Buch der guten Sitten", „Das gerechte Maß", die „Freude der Seele", da gab es auch Geschichtsbücher wie der „Schebet Jehuda" des Jehuda ibn Verga, der „Iosippon", eine Chronik von der Erschaffung der Welt bis zur Eroberung Palästinas durch die Römer und das „Scheerit Israel", ein Bericht über die Verfolgungen und Leiden der Vergangenheit Trotz aller Abgeschiedenheit drang auch von der deutschen Dichtung manches herein. „Dietrich von Bern" und „Meister Hildebrandt", die „Geschichte des Fortunatas mit der Wunderbörse und dem Wunderhut", „Die Liebschaft von Florus und Blankfler", „König Artus Hof", aber auch Abenteurerromane, Balladen, selbst Tanz- und Liebeslieder wurden übersetzt, wenn man auch alles dem jüdischen Gefühl, der jüdischen Religion, der Schamhaftigkeit der Frau Anstößige sorgfältig aus ihnen entfernte. Diese Bücher haben sicherlich das Wesen der Ghettofrau beeinflußt. Die biblische Vorstellung vom „frommen, gottesfürchtigen Weib, das mit Flachs und Wolle umgeht, früh aufsteht und ihr Gesinde speist, das ihre Hände ausbreitet über die Armen und gerne gibt und hilft", ist in ihnen lebendig.. Zucht und Sittsamkeit, Selbstaufopferung und Leidenschaftslosigkeit, Demut und Bescheidenheit sind die Kardinaltugenden, zu denen sie die Frauenwelt erziehen wollen. Indem sie die Jüdin mit der Vergangenheit ihrer Vorfahren, mit den großen Gestalten ihrer religiösen Geschichte bekannt machen, erfüllen sie sie mit Stolz und Hingabe für ihren Glauben. Indem sie ihr die messianische, goldene Zeit, die Wiederherstellung des Tempels verheißen, ermutigen sie sie, allem Hohn, allen Verfolgungen zum Trotz, die Gegenwart mit stolzer Resignation zu ertragen. Indem sie sie mit den Glaubenslehren und der Lebensweisheit ihrer Propheten und Talmudisien 328