Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 327 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895455-2896067--00385-2896176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Entwicklung des jadischen Frauentypus seit dem Mittelalter Denn das Ghetto ist die Zeit einer durchaas männlichen Kultur. Die Religion, die ihr das Gepräge gibt, weist der Frau eine dem Manne untergeordnete Stellung an. Die Auffassung der Höherbewertung der männlichen Kinder überwiegt Wie nur die Geburt des Knaben Hoffnung auf die Zukunft und Freude erweckt, so ist auch der jüdische Kult ganz auf das männliche Geschlecht eingestellt Während die Knaben in den Cheders, einige wenige dann in der Jeschiba, der Talmudhochschule, Kenntnisse des Hebräischen, der Bibel, des Talmud sich aneigneten, lag die Erziehung der Mädchen völlig im Argen. Ihr Unterricht erstreckte sich, wenn es einen solchen gab, auf die primitive Erlernung des Lesens, Schreibens und Rechnens. Hebräische Kenntnisse wurden nicht von ihnen verlangt Daß „Gelehrtenbildung die Frau auf Abwege bringt", betonte schon ein Mischnahlehrer und ein Talmudausspruch erklärte, „wer seine Tochter in der Thora unterweise, unterrichte sie gleichsam in der Gotteslästerung". Andere Gelehrte forderten freilich auch wieder Kenntnisse der Thora von den Mädchen, ja die Verpflichtung der Frau, Vorlesungen aus der Thora mitanzuhören. Im allgemeinen aber genügte es, wie Rabbi Jehuda in seinem „Buche der Frommen" empfahl, die Mädchen in der Hauptlehre der Religion zu unterweisen, ihnen die rituellen Vorschriften beizubringen. „Denn die Weisheit des Weibes hat sich auf den Spinnrocken zu beschränken." Die Töchter sollen erzogen werden zu „spinnen, zu stricken und zu frommen Taten", wie es in einem alten Geburtstagswunsch heißt Sie sollen nähen und kochen und stets im Hause ihre Welt finden, wie das Testament des Rabbi Elieser ben Samuel aus Mainz lautet Dennoch wäre es falsch, sich die Ghettofrauen ganz ohne Bildung vorzustellen. Verstanden sie auch nicht die hebräische Sprache, so gab es doch Übersetzungen, die ihnen etwas vom Geist ihrer Väter vermittelten. An stillen Sabbataachmittagen, wenn ihre Männer in der Synagoge ihren frommen Studien oblagen, ruhte sich das geplagte Ghettoweib bei der Lektüre jüdisch-deutscher Schriften aus, die man deshalb auch das Weiberdeutsch genannt hat Da lasen sie im „Zeena-Urena", einer im 17. Jahrhundert entstandenen, von Jakob ben Isaak von Janow verfaßten volkstümlichen Übersetzung des Fünfbuches und der fünf Megiloth, die damals in keinem jüdischen Hause 327