Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 326 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern Rabbiner boten mit all ihrem Scharfsinn und ihrer Logik der lebendigen Volksseele keine Nahrung. Und die polnischen Schulmeister, die die Kinder unterrichteten, besaßen selbst nur ein mangelhaftes Wissen. Gleichzeitig bewirkt die Abhängigkeit von Gunst und Ungunst der Herrschenden, das Unbestimmte der Lebensschicksale, daß ihnen die Seßhaftigkeit und Behaglichkeit des zünfüerischen Menschen fehlen. Wir treffen den gleichen Juden bald an diesem, bald an jenem Ort, bald angesehen, bald verachtet, bald arm, bald reich, bald fürstlicher Günstling, bald Sträfling im Gefängnis. Das Geld, die einzige Waffe in ihrem Existenzkampfe! Aufnahme im Lande, dauernde Sicherheit und das Wohlwollen der Behörden zu gewinnen, wird ihnen fast der Maßstab für die Bewertung der Menschen. Die wenigen, ihnen zugänglichen Berufe, um die viele sich bewerben, erzeugen Eifersucht und Gehässigkeit Das Fehlen jeder geistigen Spannung, jeder aktiven politischen Betätigung wirkt sich aus in kleinlichen Streitigkeiten der Gemeinde, in erbitterten Wahlkämpfen um das Amt der Vorsteher, der Steuerrezeptoren, der Rabbiner. Dieser düsteren, freudlosen Welt gibt die dunkle Judengasse, das Ghetto, den würdigen Rahmen. „Stellen Sie sich eine enge Straße vor, welche über eine halbe Viertelstunde lang von Häusern eingeschlossen ist, die 5—6 Etagen hoch sind", schildert der anonyme Reisende durch Thüringen das Frankfurter Ghetto. „Denken sie sich diese Häuser mit Hinterhäusern und diese womöglich noch einmal mit Hinterhäusern, die kaum so viel Hofraum haben, daß das Tageslicht hineinfallen kann; alle Winkel bis an das Dach hinauf voll enger Stuben und Kammern, in diesen 10 ooo Menschen zusammengeschachtet, welche sich glücklich schätzen, wenn sie ihre Höhlen verlassen und auf ihrer schmutzigen und feuchten Straße Luft schöpfen können .... so haben Sie ungefähr einen anschauenden Begriff von der Judengasse. Die Plätze vor den Häusern sind des Tages über mit allen männlichen und weiblichen Hantierungen besetzt, denn in den Wohnungen wären diese elenden Menschen nicht imstande zu arbeiten." Wie hat nun diese eigenartige Umwelt den jüdischen Frauentyp bestimmt? Memoiren, Briefe, Romane, Gedichte, die uns in so reicher Fülle über das Seelenleben der deutschen Frau jener Jahrhunderte berichten, stehen uns für die Ghettojüdin nicht zur Verfügung. 326