Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 325 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern: Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter Verwaltung maßgebend war. Sie befand sich im Besitz eines eigenen Gemeindevermögens, eines eigenen Armenwesens, eigener Erziehungsinstitute, eines eigenen Rechts- und Steuersystems, eigener Beamten, eigener Friedhöfe und Gotteshäuser. Dieser politischen und kulturellen Absonderung von der Umwelt entsprach eine ganz bewußte seelische und geistige Einschließung, die in der eigenen* Sprache, dem Jargon, der eigenen Kleidung, der Judentracht, ihren beredten Ausdruck fand. Es sind noch mittelalterlich beengte, durch alle Verfolgungen geistig verarmte Menschen, die sich erst langsam die wirtschaftliche Grundlage ihres Daseins zu schaffen suchen. Durch die gleiche Religion, die gleiche Tradition, die gleiche Abstammung und gleiche Not sind sie alle triebhaft und elementar miteinander verbunden. Und diese Gemeinschaft beherrscht den einzelnen und löscht sein individuelles Leben aus. Sie bestimmt seine Beziehungen zur Umwelt und sein politisches Verhalten genau wie der Staat sein berufliches und wirtschaftliches bestimmt. Sein Dasein spannt sich in den ewig gleichen Kreis, der sich von seinem Hause zu den Messen nach Leipzig, Frankfurt und Breslau zieht, und dessen einförmige Linie nur unterbrochen wird durch die feierlich religiösen Feste und die Weihe des Sabbat. Noch regt sich keine Sehnsucht, diese Schranken zu durchbrechen. Wo Wunsche brennen, da verlieren sie sich nicht in unbekannte Zukunft. Da gehen sie zurück in die Vergangenheit und kreisen heimwehkrank um das heilige Land der Väter. Noch gab es kein jüdisches Problem, weil das Judesein ihnen eine Einheit war und eine Selbstverständlichkeit. Noch gab es kein Problem der Generationen, weil die Jungen sich wohl fühlten im Schutze der Familie und unter elterlicher Autorität Noch gab es kein Problem der Weltanschauungen^ weil Bibel und Talmud ihnen restlos alle Fragen beantworteten. Noch gab es kein nationales Problem, weil jeder einzelne sich als Teil jenes Volkes fühlte, das einst am Sinai sein Gesetz empfing. Es fehlte diesen Geschlechtern der Schwung einer großen erlösenden Idee. Der Gedanke an politische Befreiung lag noch fern in einer Zeit, da der deutsche Bauer hörig, die große Masse der städtischen Bürger fast rechtlos war. Der eigene Genius des Judentums aber scheint in jenen Zeiten wie erloschen. Die talmudischen, kasuistischen Disputationen und Diskussionen der 325