Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 324 (sequence 1)
- Language
- German
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Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter Von Selma Stern I. Der Frauentypus des Ghetto Wer die deutsche Ghettojüdin verstehen will, der muß sich in jene Jahrhunderte zurückversetzen, wo die Juden, abgeschlossen von der Außenwelt, als Fremde betrachtet wurden und ohne politische und soziale Rechte in eigener Judenvierteln lebten. Auf die Gnade irgend eines Magistrates, eines Fürsten, eines Bischofs angewiesen, mußten sie sich das Recht zu leben durch unzählige Steuern erkaufen. Durch unzählige Reglements wurden sie auf Schritt und Tritt bewacht, selbst durch äußere Abzeichen und Kleidung von der christlichen Umwelt geschieden. Der wirtschaftliche Antisemitismus schloß sie von allen handwerksmäßigen, zünftlerischen Berufen aus, so daß sie als Händler, Hausierer, Geldverleiher und Trödler, einige wenige nur als Juweliere, Ärzte und Gelehrte kümmerlich ihr Dasein fristen mußten. Der gesellschaftliche Antisemitismus trieb sie unstet von einem Ort zum anderen, während der religiöse Antisemitismus sie der Hostienschändung,, des Kindermordes, der Brunnenvergiftung beschuldigte. Der auf dem Schweine reitende jüdische Hausierer war in der Karrikatur, der habgierige Schacherjude und der verschlagene Kriegslieferant in der Dichtung und auf der Bühne alltagliche Erscheinung. Im Gegensatze dazu kümmerte sich der mittelalterliche Staat wenig um die innerpolitischen Angelegenheiten der jüdischen Gemeinschaft. Sie bildete gleichsam ein Staat im Staate, in dem das mittelalterliche Prinzip der Selbst- 324