Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 320 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann in die verschiedenen Körperteile zerteilt, sondern sie ist, da sie selbst eine Kraft ist, überall ganz gegenwärtig. Weiter aber hängen alle Seelen zusammen, sie sind gleichsam wiederum eine, wie ein Mensch mit vielen Gesichtern, eine Weltseele, die in jedem ganz gegenwärtig ist, sich in einem jeden aber auf andere Weise darstellt: sie ist eine und viele. Mächtig also schweißt er die verfallende Welt zusammen nicht nur in der einen Seele, sondern auch in dem einer Weltgeist und dem einen Gott Dieses letzte Eine ist ihm Quell und Ursprung des Alls. Aus ihm wie aus einer Wurzel wächst es empor. Alles kommt aus ihm, alles ist eins, nichts ist außerhalb seiner, und die vielen Schichten, in denen sich der Mensch mühsam dem Ewigen entgegenstreckte, jetzt sind sie nichts als Offenbarungsformen des Göttlichen, zeigen gleichsam die Entfernung an, in denen sich das Geschaffene von seinem Urquell befindet, nehmen ab an Kraft und Würde, bis der Punkt des tiefsten Abfalls vom Göttlichen, die Materie, erreicht ist, sodaß nichts übrig bleibt als ein Gegenzug, eine Rückkehr der Seelen zum Göttlichen. Ist das nicht eine Einheit, ist das nicht eine Totalität, eine Überwindung der Gespaltenheit, eine grandiose Umdeutung des Weltprozesses als eines Weges vom Licht zum Licht, von Gott zu Gott? Weshalb, fragen wir dagegen, hat diese Konzeption dennoch dem Spaltungsprozeß kein Ende zu bereiten vermocht? Vollzieht sich dieses wuchtige Betonen der Einheit nicht vielleicht doch mehr in einem Denken, das sich vom Leben entfernt hat? Wird nicht die Einheit nur im Gedanken hergestellt, bleiben nicht alle jene Scheidungen, von denen wir sprachen, bestehen, liegt die Einheit nicht in einer Überwelt und einem überweltlichen Gott, ist nicht die Einheit der tatsächlichen Welt und des lebendigen Menschen unwiederbringlich dahin? Diese Menschen, die sich schämen, im Körper zu sein, die ihien Körper verfallen und von Ausschlägen zerfressen lassen, die in der Flucht aus dieser Welt das Heil erblicken, deren Seele von einer unwiderstehlichen Auftriebskraft zum Jenseitigen beschwingt wird, haben sie nicht wirklich den Halt auf der Erde verloren, ist nicht in ihrem Innern trotz Betonung der Einheit die Totalität des lebendigen Wesens verloren gegangen? Wie wenig Plotin das Aufhalten dieses Prozesses geglückt ist, das offenbart sein später Nachfahre, der Hegel des Altertums, Proklos (4io—485), der zu Athen lehrte und uns als Repräsentant eines Menschen des 5. Jahrhunderts gelten möge. Es gehört zu seinem Stil, seine Weisheit in der Auslegung der platonischen Dialoge an den Mann zu bringen, schon darin be- 320