Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 316 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895455-2896066--00373-2896165- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Fritz Heinemann des Körpers trifft . . nur dann kannst du die noch übrige Zeit ruhig und heiter mit deinem Dämon verbringen." (12, 3). Das ist ein deutlich durchgeführter Prozeß der Trennung, der Spaltung, und diese Trennung ist ein Zurückziehen in sich selbst {dva%ü)QsTv sig ectinov) in das Innere, und das „Zu sich selbst", das den Titel dieser Tagebuchblatter bildet, ist mit der innersten Struktur dieses Menschen verbunden. „Nach innen halte den Blick gerichtet! Im Innern fließt die Quelle alles Guten, eine Quelle, die immer neu sprudelt, wenn Du nur nachgräbst" „Was eignet der vernünftigen Seele? Sie schaut sich selbst, nimmt sich deutlich wahr, sie gestaltet sich nach ihrem Willen, sie selber pflückt für sich die Frucht, die sie trägt; das ihr eigene Ziel erreicht sie, mag nun früher oder später dem Leben ein Ziel gesetzt werden." Stellen wir unmittelbar hierneben ein Wort Goethes aus dem Jahr 182 3: „Hierbei bekenne ich, daß mir von jeher die große und so bedeutend klingende Aufgabe: Erkenne dich selbst, immer verdächtig vorkam, als eine List geheim verbündeter Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderung verwirren . . . und zu einer innerlich falschen Beschaulichkeit verleiten wollten Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt" Und weiter die Äußerung zum Kanzler Müller aus dem Jahre 1824: „Ich behaupte, der Mensch kann sich nie selbst kennen lernen, sich nie rein als Objekt betrachten. Andere kennen mich besser als ich mich selbst." So drücken sich hier zwei grundverschiedene Einstellungen zum Leben aus. Die Haltung Marc Aurels ist die eines nach innen gewandten, in sich hineinlebenden, kurz die eines introvertierten Menschen. Über den Strom des vergänglichen Lebens erhebt sich seine Seele, erlebt sich in dieser Innenwendung als frei von den Zusammenhängen des niederen Lebens, fühlt sich als ein den Göttern geseiltes Wesen, das mit den tätigen Kräften des Universums in einer naturgegebenen Harmonie zusammenschafft. Aber dennoch kein Verrat an der Natur, der Mensch bleibt innerhalb des Kosmos, flüchtet nicht ins Überkosmische und gelangt deshalb auch nicht zu einer transzendenten Mystik. Sein Geist ist zwar eine Abspaltung des Göttlichen, es lebt in ihm Göttliches. Aber es wäre doch sinnlos, hier von Mystik zu reden. Denn der Mensch bleibt als ein handelndes Wesen in der Welt und empfindet sich selbst und nicht ein überirdisches Wesen als Grund seinec Handelns. Es liegt hier also eine einfache Introversion eines zwiefach das Weltall emanieren soll, gestaltlos, aber eben das ist das Geheimnis Plotins, daß für ihn auch das Höchste im Menschen gestaltlos ist und daß das Ge- 316