Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 315 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895455-2896066--00372-2896164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gestalten der Spätantike Es kommt uns hier nicht auf eine weitere Interpretation dieser Schrift an. Denn ich glaube, aus den angeführten zentralen Gedanken geht mit Evidenz hervor: der Verfasser ist ein einmal gespaltener Mensch, bei dem noch nichts von Rückwendung der Seele in sich selbst, von Hineinziehen in die eigene Innenwelt zu spüren ist, sondern der durchaus nach außen wirken wilL Stellen wir diesem Menschen des ersten Jahrhunderts (wobei wir keineswegs mehr behaupten als: es gibt in dieser Zeit Menschen von dem hier aufgewiesenen Typ) einen des zweiten gegenüber. Marc Aurel, der römische Kaiser (121—180), dessen Selbstgespräche Friedrich den Großen ins Feld begleiteten, ist kein Philosoph, wie man ihn sich heute vorstellt, keine erdachten Probleme beschäftigen ihn, kein Wille, die Welträtsel zu lösen oder ein System zu schaffen beflügelt sein Denken. Die Philosophie ist ihm Mittel zum Leben, Zuflucht und Ruhestätte, sie dient ihm dazu, in einer fürchterlichen Umgebung nicht zu verderben, nicht „verkaisert" zu werden, ja, sie ist ihm geradezu identisch mit der Erhaltung des inneren Dämon in seiner unberührten Reinheit Was aber ist dieser Dämon? Nun, Marcus unterscheidet an sich nicht in weltfremder Reflexion, sondern in immittelbarem Erleben den Leib, den er verachtend das Fleischliche nennt, die Seele, die etwas Hauchartiges ist, und den Geist, den Nus. Es ist das eine durch den ganzen Menschen hindurchgehende Spaltung: dem Körper eignen die Wahrnehmungen, der Seele die Triebe, dem Geist die Meinungen. Nicht nur unterscheidet er die drei, sondern er scheidet zwischen ihnen. Er spricht zu sich selbst: „Dreierlei ist es, woraus du bestehst, Körperchen, Seelchen, Geist Die beiden ersten sindnur insofern dein als du für sie sorgen mußt Nur das Dritte aber ist eigentlich ganz dein. Wenn du dieses abtrennst, d. h. nicht danach fragst, was andere tun und sagen oder was du selbst tatest oder sagtest und was als zukünftig dich beunruhigt und wenn du es fernhältst von all dem, was in den Bereich des dich gleichsam wie ein Gewand umgebenden Körpers und der mit iht^ verwachsenen Seele fällt und was daher deinem Willen entzogen ist, und weiter von den von außen hereinbrechenden Aufwallungen; wenn du so des Geistes reine Denkkraft heraushebst aus der Verknüpfung des Schicksals, so daß er unabhängig für sich lebt, vollbringt, was die Gerechtigkeit gebietet, will, was das Schicksal auferlegt, und die Wahrheit redet, — wenn, sage ich, du den führenden Seelenteil abtrennst von all dem, was ihn infolge seiner Verknüpftheit in den Zusammenhang 315 20*