Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 314 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann zweiten, dritten und fünften nachchristlichen Jahrhunderts nebeneinander und wählen als Beispiel Pseudo-Longin, Marc Aurel, Plotin und Proklos.1) Pseudo-Longin, der Verfasser der berühmten Schrift über das Erhabene, die bekanntlich in Europa vom 17. Jahrhundert an eine große Rolle gespielt hat, schreibt keine bloß rhetorische Schrift, um dem Redner eine Anweisung zu geben, wie er den spezifischen Eindruck des Erhabenen hervorbringen könne, nein, es kommt in ihm eine besondere Einstellung des ganzen Menschen zu seiner Zeit zum Ausdruck. Er bekämpft die Sucht nach Reichtum, die die Menschen ergriffen habe, die daraus und aus der Wollust entspringende Verderbnis, und daß ein jeder an sich nur seinen sterblichen Teil bewundre und die Pflege seines unsterblichen Wesens vernachlässige. Es liegt hier eine deutlich sichtbare Scheidung des Menschen in Sterbliches und Unsterbliches vor, und zwar läßt sich nicht einwenden, daß sie etwas Gleichgültiges sei, daß derartige Unterscheidungen auch anderwärts vorkommen (das tun sie sicher), nein, sie ist grundlegend für den neuen, übrigens überaus komplizierten Begriff des Erhabenen, den unser Autor in die Geschichte der literarischen Kritik und Ästhetik einführt Denn das Erhabene wird hier geradezu das Erhebende, es erhebt den Menschen in die Nähe Gottes. In ihm überschreiten wir die Grenzen des Sterblichen, ja, es wird als das definiert, was das Menschliche übersteigt und darum auch zu einer Ekstase führt Diese Ekstase ist nicht das, was Philon, ein nach innengekehrter Mensch, als Ekstase erlebt (obwohl bei unserem Autor deutliche Einwirkungen des jüdisch-alexandrinischen Kulturkreises vorliegen, die sich in dem berühmten Genesiszitat „Und Gott sprach: es werde Licht und es ward Licht", ab Beispiel eines erhabenen Stiles äußern, ein Zitat, das bei einem griechischen Schriftsteller so merkwürdig ist, daß man daraus die entgegengesetzten Folgerungen gezogen hat, nämlich entweder, daß das Zitat unecht oder daß der Verfasser selbst Jude sei, was aber beides nicht nachweisbar und meiner Meinung nach nicht richtig ist), sondern sie ist von der Seite des Hörenden zwar ein staunenerregendes, plötzlich gegen seinen Willen mit widerstandsloser Gewalt über ihn hereinbrechendes Erlebnis, aber selbst er gerät in einen Zustand des Vergnügens und der Hochgemutheit, als ob er das, was er eben hörte, selbst geschaffen hätte. Und der Redner erlebt ein Außersichtreten, ein Durchbrechen der in ihm wohnenden Naturkraft, ein Hervorleuchten der ihm eigenen Seelengröße. *) Ich vollziehe damit eine bewußte Vereinfachung eines in Wirklichkeit viel komplizierten Prozesses. 3X4