Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 313 (sequence 4)
- Language
- German
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Gestalten der Spätantike Wie eine Grundmelodie durchzieht die abendländische Geistesgeschichte der altgriechische Satz von der gleichen Struktur und dem gleichen Aufbau von Mensch und Welt: der Mensch eine kleine Welt, ein Mikrokosmos, die Welt ein lebendes Wesen. Sowohl der Hellenismus, wie die Spätantike, wie Mittelalter und Neuzeit bis auf Schelling haben Variationen über Variationen zu diesem Grundthema gedichtet Insbesondere die Spätantike ist in wesentlichen Gebilden auf ihm aufgebaut. Piaton aber, der Bürger eines griechischen Stadtstaates, fügt in diese Parallele noch ein Drittes ein. Er kann den Menschen nur als ein Glied der Polis denken. Ihm ist daher auch der Staat ein großer Mensch, von innerlich gleicher Struktur wie dieser. In einem genialen Gemälde zeichnet er in seinem „Staat" die möglichen Staatsformen, ihren Übergang ineinander und die ihnen entsprechenden Menschen. Der oligarchischen Verfassung, die wir die plutokratische nennen würden, weil in ihr der Reiche herrscht, der Arme Objekt der Gesetzgebung ist, entspricht ein Typ von Erwerbs- und Geldleuten. Wie nun dieser Staat zerspalten ist in einen der Reichen und der Armen, also nicht einer, sondern zwei ist, so sind auch seine Bürger, die geldgierigen Drohnen, die auf nichts anderes als auf Gelderwerb bedacht sind, nicht ohne Zwiespalt in ihrem Innern (ccozaoidozazog) und nicht einer, sondern Doppelwesen (diTclovg), denen die wahre Tugend der einträchtigen und in sich harmonischen Seele abgeht Die demokratische Verfassung aber prangt wie ein überbuntes Gewand im Schmuck aller Lebensrichtungen, sie ist herrschaftslos, buntscheckig, Gleiches an Gleiche und Ungleiche verteilend; und dementsprechend nimmt ihr Bürger die mannigfachsten Gestalten an und enthält in sich die mannigfaltigsten Charaktere (tcIslgtcov ij&(Zv j.isGt6g) In diesen genialen Intuitionen, die deutlich das Bild eines einmal und eines mehrfach gespaltenen Menschen enthalten, ist ein Prozeß von welthistorischer Bedeutung vorweggenommen, der Spaltungsprozeß im spätantiken Bewußtsein. Diesen Begriff der Spaltung legen wir nicht im Sinne einer bestimmten psychologischen oder psychiatrischen Schule fest, sondern wir fassen ihn zunächst so naiv wie ihn Piaton faßte: der Mensch erlebt sich nicht mehr als ein einheitliches, harmonisches, körperlich-seelisch-geistiges Wesen, sondern als ein Doppelwesen oder als ein mehrfach gespaltenes. Wir schützen uns dadurch vor dem Vorwurf, fremde Begriffe in diese Zeit hereinzutragen, behalten uns aber das Recht vor, da, wo moderne Begriffe zur Beschreibung der Phänomene Dienste leisten, diese heranzuziehen, immer aber nur zum Zwecke des Verstehens, nicht des Erklärens. In diesem Sinne stellen wir je einen Menschen des ersten, 3X3 20