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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 312

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Gestalten der Spätantike
Date
1925-08-01
Page
312 (sequence 3)
Language
German
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Fritz Heinemann wieder zu ihr. Späte Menschen wie jene sind wir gleichsam prädestiniert zu ihiein Verständnis. Indem wir sie verstehen, begreifen wir die Gegenwart besser, trotz tiefgehender Unterschiede und trotzdem es nichts Derartiges wie Wiederkehr des Gleichen gibt, von der die Pythagoreer und noch Nietzsche träumten. Weiler ist die Spätantike die eigentliche Geburtsstätte des abendländischen Geistes. Das Recht, die Barche, wesentliche Bauformen, Denkstile, symbolische Verknüpfungen, typische religiöse Haltungen, die bis heute bestimmende Bedeutung behalten haben, sind damals entstanden. Wer die europäische Geistesgeschichte verstehen will, muß diese gewaltige Epoche der Kulturmischung, der Götterwanderungen und Götterwandelungen, diese Hochzeiten orientalischen und antiken Geistes kennen, in denen völlig neue Gebilde entstehen. Darüber hinaus aber hat diese Zeit eine universalhistorische Bedeutung: sie eröffnet uns einen Einblick in eine alternde Kultur und damit in die Struktur weltgeschichtlicher Auflösungsprozesse. Was wir von Babylon, Ägypten, vom Reich der Perser, Parther, Hethiter, Sassaniden nur äußerlich konstatieren können, die Tatsache eines Niederganges und eines Absterbens der Kultur, das können wir hier literarisch erfassen und in seiner inneren Struktur analysieren. Damit aber steigert sich das Interesse zu einem allgemein menschlichen. Denn nun erhebt sich das Problem nach dem Zusammenhang von geistesgeschichtlichen Prozessen und seelischer oder sagen wir lieber körperlich-seelisch-geistiger Struktur. Es entsteht nämlich die Frage, ob die seelischen Grundstrukturen und Typen, wie man heute anzunehmen neigt, wirklich biologisch festgelegte Typen sind, oder ob nicht vielleicht, wie ich nachweisen zu können glaube, historische Prozesse bestimmte seelische Strukturen hervorrufen oder mindestens verstärken. Indem wir diese Frage stellen und zugleich zu ihrer Beantwortung ein Weniges beisteuern, können wir einen kleinen Teil der Schuld abstatten, die wir der psychologisch-psychiatrischen Forschung unserer Tage für die Einblicke schulden, die sie uns in die Struktur der Menschen eröffnet hat — Wenn wir in der Durchführung trotz unseres Strebens zur Totalität nur einen kleinen Ausschnitt geben, wenn wir uns bewußt nur auf den Menschen einstellen und das Problem Gottes und der Welt in den Hintergrund treten lassen, wenn wir aus der vielgestaltigen Zeit nur zwei Kulturkreise, den eigentlich spätantiken und den jüdisch - alexandrinischen herausheben, so ist das eine notwendige Beschränkung, die aber die Beziehung auf das Ganze niemals aus dem Auge verliert. 312

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