Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 311 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Frilz Heinemann: Gestalten der Spätantike an eine einzige Entwicklung zu glauben, wie Hegel es noch konnte? Sind wir nicht davon überzeugt, daß es eine Mannigfaltigkeit der Bewegungsformen des historischen Lebens gibt, ja, daß selbst ein einzelnes Zeitalter ein vielreihiges und vielschichtiges Gebilde ist? Sicherlich, und trotzdem stellen wir die Forderung auf, daß sich mit dieser Vielheit eine neue Einheit zu vermählen habe. Es ist hier nicht der Ort, dieses Problem und seine Verzweigungen zu verfolgen. Es genügt hier die Feststellung, daß wir die Einheit herzustellen suchen, nicht in der Einheit einer einreihigen Entwicklung, sondern in der des Menschen und seiner Probleme. Wir unternehmen hier, die großen Traditionen Burckhardts und Diltheys fortsetzend, einen Versuch, Geschichte der Philosophie als Geschichte des Menschen zu schreiben. Uns ist sie organische Einheit, weil sie Geschichte des einen Menschen ist und weil dieselben Grundprobleme alle ihre Epochen durchziehen: was ist der Mensch? was ist die Welt? was ist Gott? Freilich ist dieser eine Mensch als Zentralpunkt der Geschichte nicht abstrakter Gattungsbegriff, sondern ein lebendiges, gestaltloses Wesen, das sich in einer Unerschöpflichkeit von Gestalten darstellt Ja, selbst der Mensch einer bestimmten organischen Periode ist gestaltlos und auch er prägt sich nur in einer Vielheit von Formen aus. — Ich brauche hier nicht auseinanderzusetzen, wie eine so verstandene Philosophiegeschichte sowohl Geistesgeschichte, wie Problemgeschichte ist und wie sie dennoch zugleich die Isolierung der ersteren als einer besonderen, abgeschlossenen Provinz des Historischen, wie auch die Zerspaltenheit der letzteren überwindet Während nämlich sonst in der Problemgeschichte die Darstellung von Einzelproblemen die organischen Personen und Perioden zerspaltete, stellt unsere Auffassung eine höhere organische Einheit der ganzen Geschichte her. So rückt die Geschichte der Philosophie geradezu in den Mittelpunkt der geistesgeschichtlichen Interessen. In ihr spiegelt sich der ganze Mensch, der in ihr zu seinem Selbstbewußtsein gelangt; deshalb können wir an ihr seine Struktur ablesen. — Ich illustriere diese Auffassung der Geschichte der Philosophie als der Geschichte des Menschen an einem bestimmten Zeitalter, und zwar an der Spätantike, also der Zeit etwa vom ersten vorchristlichen bis zum sechsten nachchristlichen Jahrhundert (genaue Zeitgrenzen sind bei der Abgrenzung in der Geschichte nie angebbar). Aber, wird man mir einwenden, was geht uns die Spätantike an? Welches Interesse haben wir an ihr? Nun, diese unsere Verbundenheit mit ihr ist sehr groß. Eine Art Schicksalsparallelität führt uns wieder und 311