Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 310 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Gestalten der Spätantike Von Fritz Heinemann I. Ein Spaltungsprozeß im spätantiken Bewußtsein Wir stehen heute, das fühlt wohl jeder, an einem Wendepunkt der europäischen Geschichte. Mit unerbittlicher Logik steigt vor uns die Schicksalsfrage auf: Untergang oder Aufstieg? Nicht als eine Frage theoretischer Besinnung, nein, als ein unmittelbar aus dem Leben selbst hervorwachsendes Problem Im Prozeß des geistigen Lebens (wenn wir uns auf dieses beschränken) stirbt alles das ab, was sich von der natürlichen Wurzel, dem fluktuierenden Zentrum des Lebens entfernt, was in seiner isolierten Sonderexistenz nicht mehr von erlebten, sondern von nur gedachten Problemen gespeist wird. Erledigt ist deshalb heute alle Philosophie, die, jeden Zusammenhang mit der Gesamtkultur verlierend, sich einspinnt in eigens zu diesem Zweck erfundene Terminologien und zu einer Art Geheimwissen der Eingeweihten wird. Lebensfähig allein ist die Philosophie als Ausdruck des ganzen Menschen, die das, was die lebendige Menschheit bewegt, schöpferisch zu gestalten weiß. Zu Ende ist ebenso alle Geschichte der Philosophie, insofern sie sich auf bloße Spezialstudien beschränkt, die ohne Zusammenhang mit dem Ganzen stehen. Zum Untergang führt die Behandlung, die das einst lebendige Ganze in ein Aggregat von Einzeluntersuchungen zersplittert, in denen jeder Teil ein für sich und von einem anderen Standpunkt aus gesehenes Stückchen ist Da gilt es, mit aller Macht vorzudringen zu einer neuen organischen Totalität Wir sind der bloßen Spezialuntersuchungen, sind der zerstreuten Scherbenhaufen müde, unstillbar ist unsere Sehnsucht nach einer organischen Gestalt — Wie aber ist sie herzustellen? Haben wir nicht inzwischen gelernt, daß es keine Universalgeschichte im alten Sinne mehr gibt? Ist es uns nicht unmöglich, 310