Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 307 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Liebermann und der breite Erfolg war dem gewiß nicht verbürgt, der Netzflickerinnen malte oder das arme, karge Dasein einer Hirtin radierte. Es kam hinzu, daß die Art und Weise, in der dies geschah, in der es immer mehr geschah, die Leute revoltierte. Man verabscheute die „gemeinen" Gegenstände; man begriff aber auch nicht die malerische Form. Man war gewohnt, dunkle Malerei zu sehen — Malerei auf brauner Basis. Dieser Neue nun begann, spätestens etwa mit dem Bild einer holländischen Nähschule von 1876, hell zu malen — wie hell! So viele Helle zerriß den Leuten die an die dunklen Bilder, MöbelM Portieren gewohnten Augen. Kurz: so viel revoltierende Tatsächlichkeit in einer so hellen, anspringenden Sprache! Dazu in einer Sprache, die mit der minutiösen Technik der älteren Genremaler nichts mehr zu tun hatte, vielmehr mit ihren großen, offenen, kecken Zügen einer unerhörten, etwas skandalösen Improvisation glich! Man begreift, daß diese Kunst sich erst durchsetzen mußte; daß sie zu kämpfen hatte und eben im Kämpferischen sich noch verwegener betonte! Diese Malerei war Opposition. Sie wurde von den Legiumisten, den politischen wie den soziologischen und den ästhetischen, natürlich als eine Revolution betrachtet; genau so wie die Dichtung Gerhart Hauptmanns, der die „Weber" und den „Fuhrmann Henschel" schrieb und in gewissem Maße ein literarisches Korrelat zu Liebermann darstellt Man empfand hier wie dort eine Atmosphäre von Sozialismus, und man war sehr betroffen, daß dies sogar in bürgerlichen Kreisen möglich war. . . . Die organisatorische Formel der Kunst Liebermanns und der Künste um ihn her hieß: Sezession. Sozusagen — trotz dem Aristokraten Liebermann: secessio plebis. Es war Demokratie in diesen malerischen Kundgebungen — ein im wühelminischen Berlin verbotenes Element des Radikalen. Wie war man töricht! Wie viel Konservatives ist in der Kunst auch Liebermanns! Wie viel Tradition von den Alten her, vor allem von Franz Hals, ist aucht und gerade in ihm! Ja — wie viel Sinn für das Elegante und Distinguierte] ist auch diesem Maler gegeben, von dem man auf bestimmten Radien seines umfassenden Wesens sagen darf, er sei ein Arbeitermaler! Ein Mann von diesem Umfang des Blicks und des Geistes sieht nicht nur eine einzige Seite des Daseins. Es ist die Natur des echten Künstlers, das Ganze zu sehen. Man betrachte das „Polospiel"; man betrachte die lange Reihe von Bildnissen, in denen das gleichsam ätzend-mondäne Bildnis eine große Rolle spielt — allerdings eine Rolle spielt, ohne jemals die Vorrechte einer rein malerischen, rein künstlerischen Anschauung im mindesten zu opfern: so wird 307