Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 305 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Liebermann Nach fünf Jahren, deren Sommer teils nach Barbizon und Fontainebleau, teils nach Holland geführt hatten, kehrte Liebermann nach Berlin zurück. Doch nur, um nach kurzer Zeit aufs neue zu reisen. Er tat jetzt erst die Reise, mit der andere Künstler sehnsüchtig beginnen: die Reise nach Italien. Ich kann mir die moquanten Anmerkungen denken, mit denen er sie vorbereitet und angetreten haben mag, wenn ich mich eines Gespräches entsinne, das wir unlängst über Venedig führten. In seinem unbefangenen, für einen Süddeutschen (darf ich es sagen?) ein klein wenig erkältenden Berliner Idiom bekannte er etwa: „Nein — wissen Sie: Venedig — das ist mir zu schön". Es ist ihm zu museal, zu antiquarisch, zu kunsthaft, zu fertig; dort bleibt dem Maler, dessen Nerven mit dem Drang nach Gegenwärtigkeit erfüllt sind, sozusagen nichts zu tun. Keine Ursache, dies und das Folgende zu verheimlichen: Max Liebermann ist glücklich, ein wenig malitiös-glücklich, doch auch wirklich glücklich, mit einer gewissen Inbrunst glücklich, wenn durch eine historische Situation ein unbarmherziger Radius moderner Technik fährt! Diese Begeisterung ist nicht vandalisch; sie entspricht einer aufs Aktuelle gestimmten geistigen Schärfe, die nur im Gegenwärtigen zu leben vermag — wie immer es sei. Beneidenswerte Kraft! Uns Süddeutschen ist sie nicht gegeben; wir denken historischer, sentimentaler. Vielleicht aber tragen wir auch eine größere Überlieferung. Wir sind im Schatten der Münster von Ulm oder Freiburg groß geworden, oder am Hang des Heidelberger Schlosses, oder um die weinroten Backsteine der Münchener Frauenkirche, oder auf der Höhe, von welcher der Bamberger Dom seit fast tausend Jahrer in die hügeligen Lande des deutschen Südens schaut Das Berliner Kind trägt weniger Vergangenheit, und darum ist Pietät seine allermindeste Mitgift Wie sagten aber selbst die Pariser, die doch eine Tradition von zweitausend Jahren tragen? „II faut etre de son temps". Man muß sein eigener Zeitgenosse sein. Sie waren ihre eigenen Zeitgenossen, wahrhaftig; freilich mit einem wunderbaren Sinn für den Zusammenhang alles Lebens und aller Kunst Und diesem Sinn hatte, hat auch Liebermann allerdings nichts entgegenzusetzen. Ja — die Begabung für das Totale ist eine seiner stärksten Eigenschaften. Liebermann fuhr im Herbst 1878 nach Venedig. Seine sinnliche Organisation ist viel zu fein, als daß sie diesen Aufenthalt nicht genossen hätte. Aber der Maler Liebermann empfing für die Unmittelbarkeit seines eigenen Malens so gut wie nichts. Er ist seitdem auch nur sehr selten nach Italien 305