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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 304

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Max Liebermann
Date
1925-08-01
Page
304 (sequence 6)
Language
German
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Wilhelm Hausenstein Paris. Im Jahre 1872 war er zum ersten Male in Paris — auch dies zunächst nur auf zwei Wochen. Aber auch dieser Besuch war ein coup de foudre. Ende 1873 siedelte Liebermann nach Paris über. Er mußte Paris und mußte die französische Malerei sehr lieben, um dies zu tun; denn schon nach dem Kriege von 1870 und 1871 war die Lage für einen Deutschen in Paris nicht eben angenehm. Aber er fand, daß es für ihn unmöglich sei, nicht in einer Stadt zu leben, die ohne Zweifel der Mittelpunkt der zeitgenössischen Malerei war. (Die zeitgenössische holländische Malerei überwältigte ihn nicht; in ihr fand und liebte er fast nur Jozef Israels und Mauve; den stärksten Ausschlag gab in Holland die Luft, das Licht, das Wasser und dazu die Kunst der alten Maler.) Liebermann war also in Paris. Er fand den Weg zu dem Ungarn Munkacsy, der mit Liebermann in das Programm eines pittoresken Realismus einstimmte. Er fand allmählich auch den Weg zu Bonnat und zu den Malern von Barbizon. Er wurde in dieser Zone schließlich völlig heimisch. Leon Bonnat sagte eines Tages zu ihm: „Faites le peüt sacrifice de vous faire naturaliser, et vous serez un des notres..." Er war einer der Pariser und der benachbarten Maler von Barbizon. Er hatte mit ihnen gemeinsam den Sinn für das Aktuell-Wirkliche, für das Daseiende, Nicht-Hergeholte; er hatte mit ihnen gemeinsam den Sinn für die Pflege des Malerischen. Er malte 1875 und 1876 Arbeiter im Rübenfeld; ein Bild, das kaum hätte gemalt werden können, hätte nicht vorher Courbet — der nun freilich Paris verlassen hatte, um in der Schweiz das Leben eines politisch Exillierten zu führen — das Bild des „Begräbnisses zu Omans" gemalt, das heute im Louvre hängt, und hätte nicht Millet den Blick auf die Bauern gerichtet: Millet, den Liebermann verehrte. Man darf nicht versäumen, an dies Verhältnis zu erinnern. In der Tat machte Millet einen großen Eindruck auf Liebermann. Man wundert sich wohl darüber; denn Millets Realismus ist mit sentimentalisch-pathetischen Zügen durchwoben. Aber Liebermann sah diese Züge nicht, nahm sie nicht auf, erwiderte ihnen nichts; er sah an Millets Kunst nur die mutige Realität; er konnte nichts anderes sehen — denn was immer Liebermann sein mag, so reich er ist, dies Eine ist ihm fremd: das Sentimentalische. Er ist ganz und gar unsentimental; wo je seine Kunst ins Empfindsame oder Pathetische oder Historische, oder auch nur Thematisch-Imaginative übergehen würde, da würde sie ihre durch und durch natürliche Kraft schwächen. 304

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