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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 303

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Max Liebermann
Date
1925-08-01
Page
303 (sequence 5)
Language
German
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Max Liebermann Pauwels. Zum ersten Mal legte Liebermann sich hier in repräsentativem Maße auf die Art fest, die ihn einstweilen (und im Grunde ja auch für immer) bezeichnen sollte. Er malte das Bild der Gänserupferinnen. Alte Frauen, denen jeder Reiz klassischer Schönheit mangelt, Proletarierinnen, alte Arbeiterinnen, sitzen in einer Scheune und rupfen Gänse. Er malte dieses Bild mit allen Elementen des rein malerisch Schönen. Allein welches Motiv! Es mußte einen Choc für alle bedeuten, die ihre Begriffe vom Schönen an den Überlieferungen der Antike und der Renaissance gebildet hatten; die nur an Polyklel und nur an Raffael glaubten, die Inbrunst des Michelangelo aber schon für den Anfang einer ästhetischen Verirr ung hielten. Und diese Beurteiler waren immerhin noch die Mehrheit... Das Bild ist die Leistung eines Frondeurs. Eigentlich ist es einfach die Leistung eines jungen Menschen, der sich in einer Wirklichkeit umsieht, aus der die eigene Zeit gemacht ist Aber so zu sehn, dies nur eben Wirkliche zu malen — dies war der Ästhetik der Mehrheit ein crimen laesae majestatis. Man erschrak. Man erschrak, wiewohl dies Bild im rein Malerischen jede Schönheit besitzt, die es überhaupt besitzen kann; es ist ein Juwel des Malerischen____ Dies sah man kaum; wie man ja auch bei Courbet, aus dessen realistischen Überlieferungen das Bild des Pauwels- Schülers geschaffen war, gegen den Choc protestiert hatte, den die gegenständliche Häßlichkeit seiner Bilder trotz aller wunderbaren Schönheit ihrer malerisch-formalen Haltung erregte. Liebermann selbst nahm nun weiterhin auch den Weg in das „klassische" Land des Realismus: nach Holland. 1873 war er zum ersten Male, für kurze Zeit einstweilen, dort; die Reise war nur ein Ausflug von Weimar her. Aber die Reise bedeutete eine Liebe auf den ersten Blick. Seit 1876 ging er Sonrmer für Sommer nach Holland; die dann und wann unterbrochene Tradition dieser Fahrten wurde immer wieder aufgenommen; Liebermann hat in der Tat einen großen Teil seines Lebens in Holland zugebracht, und dies» mit solcher Leidenschaft, daß man ihn fast als einen Wahlholländer bezeichnen darf. Er ist als Berliner ein Niederdeutscher; als Niederdeutscher gravitiert er nordwärts, zur See, zu den Dünen, zum Flachland. Er gravitiert zu den Menschen der nördlichen Küste und zu den Malern dieser Welt: zu Rembrandt, zu Franz Hals. Die Leidenschaft für Holland ist aber nur eine Komponente seines Wesens. (In Parenthese: ich zähle deren vier; von der dritten und vierten später.) Die zweite Komponente seines Wesens und seiner Entwicklung heißt 303

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