Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 302 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wilhelm Hausenstein er trägt das Wesen seiner Rasse mit dem imponierenden Hochmut eines Aristokraten. In der Tat ist das Geblüt in ihm auch längst patrizisch verfeinert. Wohlstand der Voreltern und Eltern, Sorgfalt der Erziehung, Sorglosigkeit der Lebensführimg haben unserem Maler alle Merkmale eines Herrn gegeben. Er ist das Bild des Gentleman. Er wohnt wie ein Prinz. Das alte königliche Schloß in Berlin ist wunderbar, und es steht in einer Platzlichtung, die zu den schönsten architektonischen Situationen der Welt gehört Der Pariser Platz am Brandenburger Tore, gleichsam Antipode des Schloßplatzes, ist kaum geringer an Schönheit, aber er hat zum Schönen, Großartigen noch den feineren Reiz des Intimen. Liebermann wohnt zwischen dem edlen Klassizismus des Brandenburger Tores und dem klaren Barock der französischen Botschaft Dort ist seine Heimat seit seinem zehnten Jahre. Der Vater erwarb das Haus, als der Sohn noch Kind war. Welches Glück, in der Welt diese Sicherheit des Zuhause zu besitzen! Eine Sicherheit, die das Beruhigende einer Tradition gibt Man steht auf Etwas, auch wenn man auf Reisen ist Und nun gar die stille Noblesse dieses Hauses, dessen einfache Sachlichkeit einem Stil gleichkommt . . . Es wurde vorhin gesagt, Liebermann sei ein Mann von besonderer Promptheit und Präzision des Geistes. Es kann uns danach nicht wundernehmen, daß er, herangewachsen, zuerst den Entschluß faßte, Philosophie zu studieren. Er begann. Aber das sinnliche Element in seiner Natur, das leidenschaftlich optische Prinzip in seinem Wesen, besser: der optische Ausdruck seines geistigen Lebens (denn Liebermann ist vor allen Dingen Geist) sättigte sich am Philosophischen nicht Liebermann beschloß, Maler zu werden. Er begann als Schüler des Berliner Akademikers Karl Steffeck, der sich mit Bildern zur preußischen Geschichte, insbesondere militärischen Genres, doch auch mit Bildnissen und mit Pferdebildern auszeichnete. Seltsame Fügung: bei Steffeck traf Liebermann mit Hans von Marees zusammen; mit Marees, der einen so gänzlich anderen Weg nehmen sollte; mit Marees, der eines Tages als Deutschrömer, als letzter deutscher Repräsentant einer klassischen Malerei (im engeren, spezifischen Sinne des Wortes, im antikischen, im Sinne der Renaissance und des Klassizismus) sich tragisch vollenden sollte. Von Berlin ging Liebermann an die noch junge Weimarer Akademie, die den Ruf fortschrittlicher — das heißt in jenem Moment: realistischer — Prinzipien hatte. Dort wirkte als Lehrer der Belgier Pauwels, der von dem überragenden französischen Realisten Gourbet herkam. Liebermann wurde Schüler bei 302