Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 300 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wilhelm Hausenstein erlaube mir diesen soziologisch-sportiven Vergleich; aber ich finde, daß man von einem edlen Pferd in der Umkehrung fast sagen könnte, es sei ein geistreiches Tier. So ist ein gewagt erscheinender Vergleich am Ende doch nicht ohne Sinn. Aber um zum rein Menschlichen zurückzukehren: man würde diesen Mann einem Menschen, der ihn nicht gesehen hat, wohl am ehesten nahebringen, wenn man sagte: er sehe aus wie ein Diplomat der alten Schule; sehr gepflegt im Anzug, sehr witzig in der. Unterhaltung, sehr rasch, ja zuvorkommend in den Formulierungen, zu köstlichen Paradoxen begabt, sehr gesellschaftlich (wenn es nötig ist), voll von klugen Vorbehalten, in der charmantesten Weise ironisch; bei aller Schärfe der Meinungen voll von Gourtoisie; bei aller Ausschließlichkeit und Überlegenheit der geistigen Haltung, auch trotz einem beizenden Selbstbewußtsein, trotz einem sehr reizbaren Selbstgefühl verbindlich. Freilich auch ein unerbittlicher Gegner und Hasser, wenn er sich angegriffen sieht; ein unbarmherziger Fechter dann; die bissigen Bemerkungen zerfleischen den, dem sie gelten. So ist noch dieser alte Mann, dieser fast Achtzigjährige. So alt wie er ist, wäre er der ganzen Diplomatie des Wiener Kongresses und — um Vergebung — der internationalen Diplomatie von Versailles im Jahre 1918 gewachsen gewesen. Man wird mich fragen, weshalb ich von diesen Dingen rede, die doch mehr das Persönliche als das Künstlerische und gar das Kunstgeschichtliche anzugehen scheinen. Ich würde antworten: das Künstlerische und das Persönliche stehen immer, wenigstens in wesentlichen Fällen, im Verhältnis der Gegenseitigkeit; das Künstlerische ist immer eine Auswirkung persönlicher Schärfe oder Mächtigkeit; und gerade bei Liebermann ist die Charakteristik der Person unmittelbar auch eine Charakteristik des Künstlers, der Kunst Denn — nehmen wir diese Kunst im Ganzen, so ist dies Folgende offenbar: das Rassige vor allem andern (wobei der Begriff des Rassigen eine raffinierte psycho-physische Züchtung, eine brillante körperlich-geistige Diszipliniertheit bedeutet); offenbar, sichtbar ist in dieser Kunst das Schnelle, das geistreiche „Fa presto"; das Intelligente, das Zusammenfassende, Überblickende; sichtbar ist der Witz (das Wort „Witz" in seinem obersten, sozusagen lessingischea Sinne genommen); sichtbar ist das Helle, das durch und durch Belichtende und Belichtete dieser Natur; sichtbar ist mitten in aller Geschwindigkeit des Ausdrucks auch der sehr prägnante Sinn für die Tatsachen — ein ironischer Sinn, wenn man will, aber auch ein sehr wahrhaftiger Sinn; sichtbar ist, 300