Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 299 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895455-2896065--00355-2896148- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Max Liebermann Von Wilhelm Hausenstein Max Liebermann ist heute ein Mann von etwa achtundsiebzig Jahren; als solcher der Nestor der zeitgenössischen deutschen Kunst In diesem Frühjahr habe ich ihn nach langer Zeit in seinem schonen Hause am Pariser Platz zu Berlin wiederbesucht; er war gerade von einer Grippe aufgestanden; er war von dieser bösen Krankheit, die ihn an den Rand des Grabes gebracht hatte, noch nicht völlig erholt Aber welche Natur 1 Sie war so blendend wie je — vielleicht noch blendender, da sie die Widerstande der Jahre und der Krankheit überwand. Aus der leichten Unsicherheit des körperlichen Auftritts, aus der gewissen Benommenheit des Kopfes, die von der Krankheit kam, glänzte die physische und geistige Vitalität dieses ungewöhnlichen Mannes nur um so erstaunlicher und siegreicher hervor. Wir setzten uns in dem sehr komfortablen Salon, der mit köstlichen Bildern der französischen Impressionisten geschmückt ist, zum Tee. Das Violente, Rasche seiner Natur war nicht verleugnet, nicht gelähmt; seine Art, die Konversation zu führen, recht eigentlich zu führen, das heißt: sie zu beherrschen, war im Verhältnis zu den Umständen so brillant, so leidenschaftlich wie immer: nur eben durch die gerade überstandene Krankheit eines betagten Mannes im Ton etwas gedampft Und als er aufstand, um mit mir durch die Räume seiner Wohnung zu spazieren, da war seine Art, sich zu recken, sich „zusammenzunehmen", so energisch wie je; ein bischen weniger tatsächlich vielleicht, ein wenig mehr symbolisch, wenn ich so sagen darf; aber ich sah doch denselben Mann wie immer und immer: einen straffen, einschneidenden, exklusiven, einen äußerst rassigen Menschen, sehr „sec", wie die Franzosen sagen, unverwässert; sehr schnell, sehr nervös, von größter geistiger Beweglichkeit und Promptheit; ein wahres Gheval de raoe. Man 299 19*