Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Die Zerstörung des Volksgedankens durch den Rassenwahn
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 289 (sequence 22)
- Language
- German
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Die Zerstörung des Volksgedankens durch den Bassenwahn und von Haaser und auch von Günther fortgeführt wird. Es werden alle bedeutenden Männer auf ihre Rassenmerkmale hin durchmustert Das Ergebnis dieser Typenforschung soll nun sein, „daß die genialen Persönlichkeiten zu */4 und darüber dem nordischen Typus rein oder nur wenig getrübt angehören, zu etwa 20o/o einem gemischten, und nur zu 2 0/0 oder darunter dem brünetten, und dies auch in Ländern mit fast brünetter Bevölkerung." Die Ergebnisse der Woltmannschen Untersuchung wären in der Tat überwältigend, — wenn sie stimmen würden. Man muß bedenken, daß schon an lebenden Menschen eine sichere Deutung immer da unmöglich ist, wo dasselbe Merkmal verschiedenen Rassen zukommt, wie z. B. Größe, längliches Gesicht und starke Nase unter Umständen sowohl nordisch wie dinarisch gedeutet werden kann. Die dinarische Rasse spielt in Oberitalien und gerade auch unter den Renaissancekünstlern eine bedeutende Rolle, und da Woltmann von dieser Rasse überhaupt noch nichts wußte, rechnete er ihre Merkmale immer zur nordischen Rasse. Nun hat Woltmann die Analyse im Wesentlichen an Bildern vornehmen müssen, die anthropologisch meist gänzlich unzureichend sind, und wie hat er den Tatsachen dabei Gewalt angetan! An dem brünetten Dmariermischling Dante retuschierte er solange, bis er ihn, dem Zeugnis Boccaccios zum Trotz, der von gekräuselten schwarzen Barthaaren erzählt, zum Blondkopf umgefärbt hatte. Lionardo, aus dessen einzigem Selbstbildnis in Rötel rassisch gar nichts zu entnehmen ist, muß blond gewesen sein, weil für einen wegen seiner Schönheit berühmten Menschen damals Blondheit selbstverständlich war. „Wenn irgend einer der großen Italiener, war er unvermischt nordisch". Von Michelangelo behauptet er es selbst nicht, und von Raffael ist es höchst unwahrscheinlich. Sehr auffallend ist, daß für Deutschlands geniale Männer immer noch das Typenbuch auf sich warten läßt Hauser, der den Ehrgeiz hat, ein zweiter Woltmann zu sein, macht einmal das Eingeständnis, am reinsten nordisch seien nicht die deutschen, sondern die italienischen Genien, um daraus auch den folgerichtigen Schluß zu ziehen: „In der Dichtung mag das Ausland in Dante einem Goethe einen höheren Genius gegenüber stellen". Sollte die Vorliebe für die Renaissancekünstler darauf beruhen, daß ihr Körperbild schon verwitterter und leichter umdeutbar ist? — Günther behauptet steif und fest: die nordische Rasse hat auch dem deutschen Staats- und Geistesleben fast alle die schöpferischen Männer gegeben. Aber stellt man zusammen, wer unter den 4oo Abbildungen der ersten Auflagen von bedeutenden Deutschen als „überwiegend nordisch" figuriert, 289