Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Die Zerstörung des Volksgedankens durch den Rassenwahn
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 274 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Sch äffer kleiden und dadurch seine Suggestionen doppelt wirksam werden zulassen. Der Laie wird überschüttet mit einer Fülle scheinbar feststehender wissenschaftlicher Tatsachen, deren Kontrolle ihm dadurch unmöglich gemacht wird, daß immer nur übereinstimmende Zeugnisse aus den verschiedensten, anthropologischen, archäologischen, historischen, sprachwissenschaftlichen Werken zitiert, jede Polemik oder Auseinandersetzung oder auch nur Berichterstattung über abweichende Anschauungen grundsätzlich vermieden wird. Kein Wunder, wenn auch ein gebildeter Laie sich vorkommt, als erlebe er Offenbarungen wie nach einem tausendjährigen Schlaf, wenn ein Mann wie Ludwig Finckh eine neue Sonne aufgehen sieht, die über alles, was dunkel war, ihr Licht ergießt Der allseitige „wissenschaftliche" Ausbau dieser rassischen Weltanschauung hat in der Tat etwas Imponierendes, mindestens für junge Menschen, und man wird gut tun, sich auf eine entsprechende zeitgeschichtliche Wirkung gefaßt zu machen. Auch die anthropologische Forschung, soweit sie nicht wie die Fischersche Schule von vornherein im gleichen Fahrwasser schwimmt, scheint wie geblendet zu stehen und die Sprache verloren zu haben1), obgleich das Buch, wenn auch in der Form vorsichtig — fast jede Behauptung ist durch Wörtchen wie „anscheinend", „vielleicht", „gleichsam" abgemildert — Thesen enthält, die die wissenschaftliche Kritik dringend herausfordern; zumal hUr vor einem großen Laienpublikum „Ergebnisse" vorgetragen werden, die in der Wissenschaft noch kaum zur Debatte gestellt sind. Es ist die alte Arierlegende in neuem Gewand. Der Name Arier wird vermieden und durch nordische Rasse ersetzt Das hatte schon Woltmann getan. Aber Woltmann hatte die Überlegenheit der Nordrasse auf romanischem Boden nachzuweisen unternommen und das konnte man in Deutschland, im germanischen Stammvolk, lediglich als Mehrung des nationalen Ruhmes empfinden. Bei Günther spielt zwar auch die „anthropologische Geschichtsbetrachtung", nach der alles Große in der Geschichte ein Werk der Germanen und ihrer nordischen Vorläufer gewesen ist, eine entscheidende Rolle, aber sein Blick ist auf das heutige deutsche Volk gerichtet und sein Werk will wie die Zeitschrift im Lehmannschen Verlag, „Deutschlands Erneuerung" dienen. x) Soeben erscheint das erste Buch, das von ganz anderen Gesichtspunkten, vom bayrischen Standpunkt aus den Kampf gegen die völkischen Volkszerstörer aufnimmt: Ignaz Kaup: „Süddeutsches Germanentum und Leibeszucht der Jugend". Leider kein Kampf gegen den Rassenwahn, sondern gegen die Anthropologie! 274