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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 265

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Vernunft und Offenbarung
Date
1925-08-01
Page
265 (sequence 13)
Language
German
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Vernunft und Offenbarung dessen Gläubigkeit auf dem Glauben an die dem Gottesmann geschenkte Offenbarung ruht, stellt sich die Frage, wie die Echtheit der Bedeutung jener Erlebn nisse, wie die Wahrheit und historische Zuverlässigkeit der sie ihm vermeldenden Tradition gesichert sei. Das heißt aber die Vermischung zweier gänzlich einander widerstrebenden Prinzipien; denn wie soll die Gewißheit einer göttlichen Mitteilung, von der ein heiliges Buch kündet, anders festgestellt werden, als indem dieses Buch selber auf die Treue und Zuverlässigkeit seiner Erzählung, auf die Lückenlosigkeit und Genauigkeit der in ihm dargelegten1 Traditionskette geprüft wird. Können aber Philologie und historische Analyse im besten Falle mehr leisten, als daß sie bis an die Schwelle der äußeren Umstände führen, welche den inwendigen Vorgang der Erleuchtung umrahmen? Vermögen sie zu beweisen, daß das Wort das Wort Gottes und nicht das irgend einer Selbsttäuschung ist? Es ist doch so, daß Offenbarung nur durch Offenbarung vermittelt, daß Geschichtsglaube nur durch die persönliche Gewißheit und Überzeugung von der sich wunderbar enthüllenden Gottheit bewirkt werden kann. Mit andern Worten: Um das an der Tradition zu glauben, worauf es gerade ankommt, ihren Ursprung und nicht bloß die feste Verzahnung der Überlieferungskette, die in jenes Anfangsglied eingehängt, bedarf es schon jedes unmittelbaren Ergriffenseins von dem göttlichen Geiste, das in seinen erhabensten Manifestierungen die großen religiösen Schöpfer gestaltet hat So ist ernsthaft anzuerkennende Religiosität niemals etwas bloß Abgeleitetes, von außen her zu Formendes; sie kann sich sinnvoll nicht im! Prinzip von der Seelenlage unterscheiden, die dem inspirierten Propheten eigen ist Nie verliert sie den Charakter der Inselhaftigkeit in Bezug auf die emdringenden Kräfte irdisch natürlichen Lebens, die bei ihr nicht landen können. Sie ist unerklärbar; denn keine gemeinsame Linie umschreibt ihr Gebiet und das der „Welt". Und doch leben Weltgeist und Gotteskraft in einer Seele, hat das wunderbar Göttliche das dem diesseitigen zugekehrte menschliche Wollen und Können gerade in den erhabensten Beispielen religiöser Ergriffenheit gewaltig beflügelt „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst", die Grundforderung der Moral, des Lebens von Mensch und Mensch, entspringt prophetischer Inspiration. Warum? Weil der Seele keine andere Deutung des Göttlichen übrig bleibt Gott verharrt jenseits der Welt, jenseits ihres Denkens und Strebens; denn seine Gedanken sind nicht eure Gedanken und seine Wege 265 17

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