Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Vernunft und Offenbarung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Wiener meint ist von uns natürlich die Idee, der Sinn der Religion überhaupt Es besteht aber eine ungeheure, gar nicht zu überwindende Schwierigkeit für die Beurteilung der Art, wie sich diese Idee in der konkreten Gestaltung ausgewirkt hat und noch auswirkt Und diese Schwierigkeit beruht darin, daß aller „positiver" Glauben nur als hindurchgegangen durch eine Tradition faßbar erscheint Wir sprachen am Anfang von den beiden Religiositäten, von der prophetischen, die in dem unmittelbaren Erfahren der Erleuchtung beruht, und jener andern, welche die anerkannte Autorität des Erleuchteten zu ihrem Richtungspunkt hat In der Annahme, daß die Entfaltung des religiösen Lebens in der besonderen Gottesnähe gewisser Personen aufgipfelt, macht sich die Religion von einem Entwicklungsbegriff frei, welcher das geistige Leben im Sinne der fortschreitenden Erfüllung eines Ideals deutet Die sich vertiefende Haltung dem Göttlichen gegenüber erscheint nicht als ein Prozeß, bei welchem im allgemeinen das Höhere dem Niederen folgt; sondern wenn überhaupt von einem Prozeß zu reden, so kann er nur die stets innigere Aneignung, die immer tiefere Erfassung der göttlichen Manifestation bedeuten, die in gewissen Kulminationspunkten sich dem Menschen schenkt und für die folgenden Zeiten den Sinn des religiösen Daseins erschöpft Daraus ergibt sich, daß die Idee einer besonderen Erleuchtung auserwählter Menschen notwendig die Kanonisierung ihres Lebens und Wirkens und, wenn gewisse mehr zufällige Umstände sich einfinden, auch die Dogmatisierung eines literarischen Niederschlages der Offenbarung, das Aufkommen einer „heiligen Schrift" und die Sanktionierung der in ihr niedergelegten Ansichten über Gott und der Anweisungen zum Leben in seinem Geist zur Folge hat Und hier liegt für das geschichtliche Dasein die Quelle aller Verwicklungen. Daß die Möglichkeit einer Offenbarung für die ihrer selbst gewisse Vernunft nicht diskutabel ist, daß die Behauptung der Realität göttlicher Erleuchtung von der wissenschaftlichen Einsicht ignoriert werden muß, das braucht den Propheten, der sich von dem göttlichen Geist unmittelbar gepackt und erfüllt empfindet, nicht zu erschüttern und hat ihn noch nie wankend gemacht Denn der Grundsinn seines Erlebnisses besagt ja das Übernatürliche und Jenseitige, die absolute Andersartigkeit des von dem Irdischen sich abhebenden Göttlichen. Für ihn gibt es nicht die Schranke, welche die Vernunfterfahrung um ihre Welt auftürmt, weil seine Welt, das wahrhaft ihn interessierende Sein, von Haus aus in jenem Göttlichen gegründet ist, dessen Erfahrbarkeitsform die Erleuchtung ist Vor den Frommen aber, 264