Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Vernunft und Offenbarung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Vernunft und Offenbarung als Persönlichkeit birgt sich schon der Keim für irgend eine Form von Gnadenreligion. Die jüdische Religionsphilosophie, welche eine Synthese zwischen dem wissenschaftlichen Geist der Griechen und dem religiösen des eigenen Stammes darstellen will, zeigt in ihrer Lehre von den Attributen Gottes deutlich den Bruch, der zwischen einer rationalistischen Behandlung dieser und der dem eigenen ihrem Wesen entspringenden Forderung unabwendbar ist Indem sie in der dialektischen Erörterung des Begriffes der Einheit dem Motive folgt, alle Verschiedenheit und innere Gliederung im Charakter des Gottesgedankens auszuscheiden, in der Aufhebung der Eigenschaften von Leben, Weisheit, Macht als besonderer Seiten in ihm die " anthropomorphisierende Betrachtungsart mit solchem Erfolg überwindet, daß Gott nicht mehr als Persönlichkeit angesprochen werden kann, statuiert sie einen Gottesbegriff, der dem Absoluten der Metaphysik außerordentlich nahekommt. Da aber der jüdische Gott, als der wahre der Bibel und der Religion, ohne eine positive Beziehung zur Welt, ohne tatige Liebe zur Schöpfung unmöglich ist, muß sie ihm schließlich Attribute des Wirkens beilegen, gemäß deren die Welt der Menschen so beeinflußt und behandelt erscheint, wie tatsächlich nur das tätige Interesse einer mit höchster persönlicher Kraft ausgerüsteten Wesenheit es gestattet Nur so kommen die biblischen Offenbarungen und Wunder, die ja auch für diese Spekulation die Grundlage der jüdischen Religion bilden, zu ihrem Recht Vielleicht ist niemals hingebungsvoller und verzweifelter um den Ausgleich unausgleichbarer Dinge gerungen worden als hier. Die Religion kann sich niemals mit irgend einer Betrachtungsweise des „Als ob" begnügen; sie geht auf das Sein, die absolute Wahrheit Sie ruht tief in dem Gedanken, in dem alle Strebungen und Interessen des ihr unterworfenen Menschen einmünden, daß eine vollkommenste Persönlichkeit der erste und letzte Grund alles Seins und Geschehens ist Sie sieht darum die Welt als Auswirkung solchen persönlichen Lebens an. Sie kann sich nicht damit abfinden, daß eine relativierende Beurteilungsart .Geist und geistige Werte als von nur subjektiver, wenn auch für uns Menschen allgemeiner Geltung anerkennt Sie ist vielmehr mit vollem Bewußtsein eine Verabsolutierung des Anthropomorphismus. Mancher Leser, der uns bis hierher gefolgt ist, wird vielleicht diesen Feststellungen seine Zustimmung geben, mit der einzigen Einschränkung, daß die hier charakterisierte Religion die mittelalterliche ist Darauf ist zu sagen: Ge- 263