Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Vernunft und Offenbarung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Wiener erkeimtnistheoretische Lehre von der Intuition denkt, gemäß welcher der Strom des Wirklichen an irgend einem Punkte seiner Bahn von sich selber wissend wird, so daß das Seiende, wie es ist, in seiner Reinheit erfahrend sich selber ergreift Der Zusammenhang dieser Ansicht mit der Mystik liegt auf der Hand. Da wie dort wird die Einung des empirischen Bewußtseins mit dem letzten Seienden gelehrt, das unmittelbare Drinnenleben des wissenden Ich im Realen überhaupt, die schließliche Überwindung des Gegensatzes von Subjekt und Objekt Aber auch die Eigenart der religiösen Mystik tritt leicht hervor. Denn nicht um das Berührt-, um das Verschlungenwerden des Ich vom Absoluten scUechthin geht es ihr, sondern um die Einschmelzung in das Göttliche. Dieses Göttliche jedoch, wie es der Sinn der Religion, auch der mystischen verlangt, ist so wenig mit dem Absoluten der Metaphysik gleichzusetzen, wie der Gott Jesaias mit demjenigen des Spinoza. Der religiöse Goti ist vor allem der Träger höchster Werte; und so wird eine anthropc*- morphisierende Charakterisierung seiner unabwendbar. Denn mag die Vorstellung von der menschlichen Persönlichkeit noch so sublimiert werden, — ihre Idee wird immer das adäquateste Symbol für die göttliche Vollkommenheit sein: Das Göttliche hat die unvermeidbare Neigung, Gott zu werden, absolute Persönlichkeit Die eigentümliche Tönung der gespannten Gegensätzlichkeit zwischen dem Ich und seinem Blickpunkt, die Sprache und innere Bewegtheit des religiösen Gemütes, seine Entfaltung zu dem ihm allein genehmen Ziel — sie verlangen, und sei es schließlich selbst, um das Eigensein von ihm verschlungen zu sehn, das große Du, das sich so dem Mystiker als das große einzige Ich enthüllt; das Es kann nicht diese Leidenschaft und Sehnsucht stillen. Gott hat, er ist Persönlichkeit: bleibt ein analytisches Urteil. So wird im tiefsten verständlich, warum im Wesen der Offenbarung ihre Besonderung, ihre mehr oder minder klare Mitteilung an die mit ihr Beschenkten liegt, warum ihre Allgemeinheit, z. B. die nach der talmudischen Meinung den Söhnen Noahs als den Stammvätern des neuen Menschengeschlechtes gewidmete Uroffenbarung, nicht ihr letztes Wort bilden kann. Denn wird die Beziehung zwischen der Welt der Geister und Gott unter dem Bilde des Verhältnisses von Persönlichkeiten angeschaut, dann ist die nächste Konsequenz, daß die tatsächliche Verschiedenheit zwischen den gegebenen Persönlichkeiten auf das Verhältnis zwischen ihnen und der Gottheit ausgedehnt wird, daß sie sich nicht nur offenbart, sondern in ihrem Verkehr mit ihnen sich als nahe oder ferne erweist In dem Gedanken von Gott 262