Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Vernunft und Offenbarung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 261 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Vernunft und Offenbarung keit, Übematürlichkeit bedeuten muß, um der nach ihm langenden natürlichen Vernunft das zu überlassen, wofür allein sie kompetent ist: Gefühle, Einbildungen, Begeisterung — Wahnsinn. Von der Religion her, vom Schauplatz der Überwelt kann man das Profane, das Irdische fassen und verstehen, den natürlichen Geist als ein auch in den Augen Gottes unverächtliches Werkzeug zur Daseinserfassung und Beherrschung respektieren. Ja, man muß es. Denn wie Gott der Welt bedarf, so braucht die Erleuchtung irdische Augen und Ohren, um vor ihnen als dunklem Hintergrunde sich im heiligen Glanz ihrer Göttlichkeit zu enthüllen. Das Erleben des Erlebnisses -aber kann nicht bewiesen, nicht festgestellt, noch erkannt, nicht wahrscheinlich gemacht werden. Es ist da, eben als ein andres, jenseitiges, Göttliches, — wenn es da ist Hier liegt der Einwand nahe: Ist es nicht das Schicksal aller Innerlichkeit, alles Seelischen, daß es unveräußerlich in den Grenzen der Seele eingeschlossen, seiner Substanz nach von außen unerkennbar bleibt? Denn: „spricht die Seele, so spricht, ach, schon die Seele nicht mehr". Diese Beschwerde betrifft das allgemeine Problem der adäquaten Erfahrbarkeit inwendiger Zustände, die ja in der Tat nicht vom einen zum andern hinüberwandern, vielmehr ihrem Sein und ihrem Verlaufe nach gemäß ihrer Auswirkung, Darstellung am Körper nach der Analogie eigenen Erlebens gedeutet werden. Aber die religiöse Erleuchtung besagt doch etwas andres; denn sie ist immer als eine Ausnahmelage gedacht, die sich gerade ihrem inneren, Sinn nach dagegen wehrt, durch Analogisierung und Einordnung um ihre Einzigartigkeit betrogen zu werden. Wenn das Bewußtsein A, auf Grund dessen, was es in sich erfährt, dem B und C ähnliche geistige Zustände zuschreibt, so kann gewiß die Genauigkeit der vermuteten Übereinstimmung nicht bewiesen werden. Das ist auch gar nicht notwendig; denn die Hauptsache ist, daß das Zusammenwirken von A und B und C, das heißt die nach außen sich entladende miteinander verflochtene Reaktion der angenommenen Innenseiten, eine Entsprechung und Harmonie zeigt, die uns gestatten, die Innerlichkeiten so anzusehen, als ob sie in der benötigten Übereinstimmung wären. Was Gefühle und Empfindungen und Vorstellungen sind, wie sie zustande kommen, ob und wie das Wissen ein Spiegelbild der Außenwelt ist, das ist für die Praxis ganz gleichgültig, wenn nur soziales Leben möglich ist Das letztere ist aber gerade der Punkt, welcher eine Eingliederung des religiösen Offenbarungsbewußtseins in den Kreis des empirisch faßbaren Lebens ausschließt Daran kann sich auch nichts ändern, wenn man an die moderne 261