Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Vernunft und Offenbarung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 260 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Wiener Talmud, können sich die beiden nicht widersprechen. Christentum und Islam haben ebenso entschieden; denn die Lehre von der „zwiefachen Wahrheit", daß etwas in der Philosophie sollte richtig sein können, was die Theologie verwarf, und umgekehrt, wurde als Ketzerei empfunden. Diese Anschauung von den beiden Quellen des Wissens, dem natürlichen und dem übernatürlichen Licht, legitimiert für den Religiösen einen Dualismus der Erkenntnis, der für die wissenschaftliche Vernunft als solche unerträglich ist; denn diese ist — wie wir vorhin sahen — ihrem Wesen nach dazu gehalten, nur sich selbst als Norm und Gesetz alles Wissens anzuerkennen. Sie ist ihrem Kern nach intolerant, kann einer anderen Erkenntnisquelle kein Gebiet zur Betätigung überlassen oder auch nur die Mitherrschaft eines außer ihr liegenden Prinzips dulden. Sie braucht darum nicht gottlos zu sein, sondern kann geradezu die Existenz eines höchsten Weltwesens beweisen; nur daß dieser Gott zu einem irdischen Geist in besonderer Weise zu sprechen, sich ihm zu offenbaren vermag, das ist ihr unverständlich. Der Religionsglaube, der auf einer unmittelbaren Erleuchtung von gotterwählten Persönlichkeiten gegründet ist, erkennt an, daß es Wissen von hohen und höchsten Dingen! für den Menschen auch ohne die unmittelbare göttliche Mitteilung gibt; vom Standpunkt profaner Erfahrung kann umgekehrt das Recht des Offenbarungsglaubens nicht zugestanden werden. Diese Erfahrungswissenschaft löst vielmehr das, was dem Gläubigen als Sinn und Wesen des religiösen Erlebnisses erscheint, die von ihm für Tatsache gehaltene Berührung der sterblichen Seele mit dem in besonderer Weise bei ihr einkehrenden Göttlichen, auf in Phänomene, für die es in der übrigen Welt gar manche Analogien gibt, Ekstase und Halluzination, Phantasie, gesteigerte oder geminderte psychische Zustände, mit denen sich bestimmte sittliche, gesellschaftliche Erfahrungen verbinden mögen. Es geht ihr mit dem Kern des religiösen Ereignisses ähnlich wie dem Anatomen mit der menschlichen Seele. Wie diesem die sorgsamste Sezierung des Gehirns nichts von dem Träger der seelischen Kräfte zu zeigen vermochte, so stehen Religionspsychologie und -geschichte, die ja nichts anderes sein können als die Analyse der empirischen Wirklichkeit, dem, was die eigentliche Meinung des Gläubigen ist, immer fern. Dieser Kern will ja seinem Wesen nach etwas nicht zu Verstehendes, nicht zu Ergreifendes, vielmehr bloß in unmittelbarer Selbstmitteilung sich Gebendes sein. Sobald er von drüben her, von dem Profangebiet aus ergriffen, be-griffen wird, verschwindet er in seinem wahren Sinn, der Jenseitig- 260