Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Vernunft und Offenbarung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Vernunft und Offenbarung klären, daß es außer Gott überhaupt noch etwas gibt, — für die Frömmigkeit des Mystikers besteht nicht das logische Ärgernis solchen auf statische Gehalte abgestellten Denkens; sie ist vielmehr gerade in ihrer leidenschaftlichen Sehnsucht nach der vollkommenen Ruhe und Seligkeit in dem Einen Bewegtheit, das Schreiten über den Weg zum Ziel. So erst ergibt sich die Möglichkeit, das Anfangsglied dieses Prozesses, das schattenhafte Ich, vor dem wahren und echten Wesen in seiner Existenz zu verstehen und zu beglaubigen. Natürlich ist Gott der Wertmaßstab für das außer ihm seiende, noch nicht in ihm zu völliger Auflösung gelangte Gebilde. Und so ist dieses, weil es nicht Gott ist, wohl Unechtheit und Schwäche* Häßlichkeit und Sünde, aber da diese Gegensätzlichkeit zu ihm ein Wirkliches ist, so existiert doch in irgend einem Sinn dieser Träger von Ohnmacht und Schuld. Im Gefühl der Abgelöstheit von Gott, der Ungleichheit mit ihm, erfährt so das mystische Gemüt überhaupt erst sein Bestehen; das Wissen um seine Existenz ist gegründet in solchem Erlebnis der Spannung, welches die Form dieses religiösen Seins ist Und so taucht auch ganz allgemein das Weltbewußtsein neben der Gotteserfahrung auf. Jenes ist auf dieser gegründet, wird von ihr umfangen. Wir wollen damit sagen: Für den Glauben der Mystik tragen die Weltdinge oder vielmehr die Eindrücke, welche sie auf die Seele machen, auschließlich den Sinn an sich, als Wegmarken zum Ziele zu dienen, in dem der Mensch sich mit der Gottheit eint So mag die Nichtig1keit, das in eigentlicher Bedeutung Nicht-Sein, die Nicht-Wirklichkeit einer Welt außer Gott, das letzte Ergebnis einer auf solchem Boden erwachsenen Erkenntnis sein. Für uns ist bloß von Bedeutung, daß die religiöse Erfahrung den sich ihr Hingebenden dazu zwingt, das Ganze des Seins ausschließlich in ihrem Lichte zu sehen, aber in einem Lichte, das Zentrum und Peripherie in gänzlich verschiedenem Glänze bestrahlt Die Hauptsache bleibt, daß das „Natürliche" seinen Sinn vom „Übernatürlichen" her empfängt, welches jenes als relativ verschieden wohl anerkennt, aber doch schließlich zur Einheit mit sich selbst erhebt Das Ergebnis ist, daß hier das All in die Sphäre des» Überirdischen eingeht, daß das Wunder sozusagen in Permanenz erklärt wird. Die dualistische, die nicht-mystische Religion setzt die Offenbarung, den Einbruch des göttlichen Geistes in den menschlich-diesseitigen Bereich als ihr Fundament Nach ihr gibt es eine zweifache Erkenntnis, die der natürlichen Verstandeskräfte und die diese überhöhende der Erleuchtung unmittelbar von Gott Nach dem Judentum, gemäß den Urkunden von Bibel und 259