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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 258

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Vernunft und Offenbarung
Date
1925-08-01
Page
258 (sequence 6)
Language
German
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M. Wiener So fällt die ganze Unterscheidung zwischen natürlichem und übernatürlichem Licht, zwischen Vernunft und Offenbarung unter dem Gesichtspunkt der ersteren überhaupt dahin und ist lediglich eine Angelegenheit der von echt religiösem Gedanken inspirierten Betrachtung. Für die Religion aber ist dieser Dualismus Daseinsbedingung; denn die Form ihres Verwirklichtseins ist Spannung. An keiner ihrer Gestaltungen ist das deutlicher zu erkennen als an derjenigen, die zunächst wie eine Gegeninstanz gegenüber dieser Behauptung erscheinen möchte, an der Mystik. Die Mystik wird gewöhnlich als eine religiöse Wirklichkeit gedeutet, welcher in der Welt der begrifflichen Sprache, in der Metaphysik, der Pantheismus entspricht Jedenfalls scheint sie als Ausdruck einer eigenen Richtung, derjenigen des Monismus, der dualistischen Religionsanschauung entgegenzustreben, deren allgemeinstes Kennzeichen die absolute Verschiedenheit der Qualität Gottes und der der Welt, beziehungsweise des Menschen ist Wir brauchen hier nicht auf die verschiedenen Formen und Möglichkeiten mystischer Gottesanschauungen einzugehen, sondern begnügen uns mit dem für uns allein belangvollen Charakteristikum, das sie aus anderen Formen des Religiösen heraushebt Es ist wahr: das Endziel mystischer Bewegtheit ist die Auslöschung des Einzel-Ich und sein Verschwinden in der All- Einheit Gottes. Als letzten Ausdruck seiner Meinung kann der Mystiker in bezug auf die Gottheit das Du nicht gebrauchen; er lebt vielmehr im Geiste des Einen, neben dem es in Wahrheit nichts andres gibt Wie das kleine Ich zu dem so absonderlichen Schicksal gekommen, um seine Ichheit zu wissen, ja, überhaupt ein Etwas, ein Schein, ein Schatten, ein Nichts, aber eben doch zugleich ein Etwas zu sein, oder wie der All-Eine, Selbstgenugsame, der in sich ruhende Geist ein Fragment seiner Wesenheit zu dem Schwächezustand degradiert hat, in welchem sich das empirische Bewußtsein des kleinen Ich vorfindet, das ist ja das ewige Thema aller pantheistischen Metaphysik, eine nie gestillte Qual des Denkens. Wie aber steht es um das mystische Erleben als solches? Ist nicht das Spannungsgefühl, in dem das Bewußtsein als die Empfindung der Nichrvollendung, der Distanz vom wahren und einzigen Wesen dem Ich erst von seiner Existenz Kunde gibt, ein integrierendes Bestandstück dieses Erlebens? Die Vollendung, das Aufhören alles Besonderen ist unbedingt das Ziel. Aber es ist durchaus der Sinn dieses Ziels, daß es Ziel ist, d. h. daß erst ein Weg zu ihm hin es in seiner Wesenheit bestimmt Wie immer die Metaphysik mit der Schwierigkeit fertig werden mag zu er- 258

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