Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Vernunft und Offenbarung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 257 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Vernunft und Offenbarung Ist diese mit der Vernunft vereinbar? Wir brauchen hier das Wort Vernunft nicht in einem wissenschaftstechnisch besonders zugespitzten Sinne, sondern in der allgemeinen Bedeutung, die sie im Gegensatz zu jeder übernatürlichen Erleuchtung als den Inbegriff aller natürlichen Erkenntnis und Erfahrung und ihrer wissenschaftlichen Formulierung ansieht Diese Vernunft kennt nur ein einheitliches Universum der Erfahrbarkeit. Darum kann sie für ihre Kompetenz keine Grenzen ziehen lassen und nicht gestatten, daß ihr Kosmos, der das All überhaupt ist, in Gebiete zerfallen soll, von denen das eine oder das andere ihrer Autorität grundsätzlich entzogen sein sollte. Hierbei ist diese oder jene erkenntnistheoretische oder metaphysische Einstellung belanglos. Wieviel oder wie wenig unsrer Vernunft zugetraut wird, ob sie zum Absoluten, zum reinen An sich der Dinge vordringt oder sich ewig in der Relativität bewegt, ob theoretische Skepsis die Möglichkeit absolut wahrer Urleile anzweifelt, eine pragmatische Haltung des Geistes nur praktische Stellungnahme für' sinnvoll erachtet, ob die unsrer Einsicht sich eröffnende Seite der Weit als blasser Schein oder als geregeltes System von Erscheinungen oder als letzte Wirklichkeit gedeutet wird, verschlägt dabei gar nichts. Denn was auch der Sinn solcher Erfahrungsbegriffe sein mag, — sie alle wollen doch so verstanden sein, daß der, welcher immer gewählt sein mag, das Ganze der sich ihm darbietenden Elemente wohl als ein in sich gegliedertes System, aber doch eben als ein, als ein allein mögliches System aufgefaßt wissen will, dem von außen her kein Einbruch aus unkontrollierbaren Seinsmöglichkeiten drohen darf. Die natürliche Vernunft mag so skeptisch von ihrer Kraft und Tragfähigkeit denken, wie sie wolle. Solange sie sich ihres Sinnes bewußt bleibt, mag sie viel eher die ganze Welt menschlicher Augen und Seelen als nur durch ein trübes durch Nebelschwaden kärglich hindurchdringendes Licht erhellbar anschauen, ehe daß sie einer überirdischen Sonne den Zutritt zu der für sie allein möglichen Wirklichkeit verstattet Denn der Anspruch des erkennenden Geistes auf die Durchschreitung der Totalität des Seienden innerhalb der vollen Grenzen seiner Erfahrbarkeit ist von seinem Wesen unabtrennbar. Gewiß braucht nicht alles Seiende erkennbar zu sein, aber die Vernunft dringt gemäß ihrem Charakter absoluter Souveränität darauf, daß ihre Monopolstellung anerkannt wird: Was nicht erfahrbar, nicht in irgend einem Betracht vor der Vernunft sich ausweisen kann, das ist für sie überhaupt nichts Sinnvolles, nichts, was bestimmt, gewertet oder auch nur in seiner Realität konstatiert werden kann. 257