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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 256

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Vernunft und Offenbarung
Date
1925-08-01
Page
256 (sequence 4)
Language
German
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M. Wiener eine Denkbarkeit fordert, so sicher ist es auch, daß zu seinem Charakter die Unerkennbarkeit gehört, das unenthüllbare Geheimnis. Welche positive Bedeutung in der Unendlichkeit des göttlichen Seins stecken mag, darüber haben wir nicht zu befinden; es birgt sich darin aber vor allem eine Charakterisierung der Funktion des Religiösen, daß es nämlich ewig ein Dunkles, grundsätzlich Unaufklärbares bleibt, was den Menschen sucht Diese Unendlichkeit ist von ganz andrer Art als die nie zum Abschluß zu bringende Arbeit der wissenschaftlichen Erfahrung. Die Wissenschaft kennt Aufgaben und Fragen, die unerledigt einer zukünftigen Lösung vorbehalten sind; ihre Arbeit an jedem Problem ist grundsätzlich nie vollendet Aber wenn eine astronomische Theorie eine andere ablöst, wenn die Verfeinerung des Mikroskops neue Kleinwelten entdeckt, und deren Einordnung in den Zusammenhang des bisher für richtig Angesehenen grundstürzende Änderungen in der Gesamtauffassung nötig macht, so mag sich das ins Endlose wiederholen können. Diese ganze Bemühung bleibt doch die Anwendung des einheitlichen Prinzips erkenntnismäßiger Forschung, der Vernunft, für die es nur ein All von Elementen des Seins gibt, deren Ergründung und Durchleuchtung im Einzelnen nie zu Ende gehen mag, die aber durch eine allgemeinste Ordnung, die der erkennenden Vernunft selber, von Haus aus zusammengehalten werden. Die Rätselhaftigkeit, der Geheminischarakter des Göttlichen, besagt etwas ganz andres als die dunklen, selbst ewig dunkel bleibenden Provinzen von Mikro- und Makrokosmos, etwas andres als etwa das Geheimnis der Entstehung des Lebens auf unserm Planeten oder im Universum überhaupt Es ist nur ein sinnbildlicher Ausdruck für die absolute Andersartigkeit, für das keiner Denkbemühung, keinem Erkenntnisstreben zugängliche Objekt der religiösen Verehrung. Gewiß, faßt man es psychologisch auf, will man den „religiösen Menschen" durchleuchten, so wird man irgendwelche psychische Funktionen als die Organe seines Gotterlebens auszeichnen, eigentümlich gefärbte Gefühle, Strebungen, Denken und Wollen, wie sie das Instrumentarium zu seiner Welterfassung auch bilden, Macht man sich aber das eigentümliche Sinngebilde klar, das sich im Wesen des Religiösen darstellt, so erkennt man sofort, wie nicht der Weg von innen nach außen das hier aufgestellte Problem löst, sondern wie es allein der Bruch mit dieser Richtung, das Bewußtsein des Erleidens Gottes, der Weg von oben nach unten ist, was die grundsätzliche Heraushebung des Religiösen im Menschen ausmacht Das aber ist eben die Offenbarung. 256

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