Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Vernunft und Offenbarung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 255 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Vernunft und Offenbarung ausdrückt, daß er zu erhaben ist, um Demonstrationen zuganglich zu sein. Wenn aber die Bemühungen der Menschen ihn nicht fassen, dann gibt es nur den andern Weg: Er muß zu ihnen kommen. Das ist die Offenbarung. Es ist gar nicht notwendig, daß sich auf diese Weise dem Irdischen etwas enthüllt* was ihm sonst ewig verschlossen bliebe. Dort, wo wir am frühsten ein starkes Gefühl für das Unerklärliche im gottheitlichen Charakter antreffen, bei den israelitischen Propheten, wird oft genug beteuert, daß die geoffenbarten Forderungen, die Gott durch sie dem Menschen vorlegt, einsichtig und klar, im Grunde für das sittliche Empfinden selbstverständlich sind, wobei wohl freilich mitunter leise der Gedanke mitschwingt, daß dieses sittliche Empfinden selber die Prägung Gottes in der menschlichen Seele sei. Ja, die sich bei ihnen oft genug findende Indifferenz, wenn nicht gar unwirsche Haltung gegenüber Kult und Opferwesen hat moderne Interpreten dazu verführt, in ihnen sozusagen Vertreter der Vernunftreligion zu sehen, gemäß der Erklärung Kants, daß Religion die Anerkennung der sittlichen Gesetze als göttlicher Gebote ist Aber in Wahrheit liegt es doch so, daß Gott die vernünftigsten, durchsichtigsten Weisungen erteilen kann: die Tatsache, daß er urplötzlich den Propheten packt, seinen Eigenwillen zerbricht, ihn mit seinem Auftrag erleuchtet, in Bildern und Visionen, in absonderlichen Zeichen und unerhörten Stimmen zu ihm spricht, ihn gewaltsam von der Anwesenheit einer überirdischen Welt überzeugt, ganz sichtbar vor den Augen der Menschen einen fremdartigen Plan durchsetzt — das alles gehört nicht bloß auch zu dieser Religion, sondern es ist ihr Urgrund, die eigentliche Form, in der sie im Menschen lebt Aus der islamischen Theologie, deren orthodoxer Zweig den Gedanken der Allmacht und Alleinwirksamkeit Allahs zum tragenden Grund der Spekulation machte, haben jüdische Denker das Problem übernommen, ob in bezug auf den göttlichen Geist und Willen die Begriffe des Möglichen und Notwendigen Geltung hätten, ob er nicht bewirken könne, daß die dem Menschen so einsichtigen Urteile der Mathematik oder metaphysische Grundbestimmungen in ihr Gegenteil umschlagen könnten. Sie lehnen es ab, daß vor Gott 2X2 5 sein, oder daß die Welt durch die Öffnung eines Ringes hindurchgezogen werden könnte. Das heißt: Gott vergewaltigt nicht die Wahrheit Aber so gewiß ein sinnvoller: Gedanke von Gott sich nicht auf ihn richten kann als auf eine Wesenheit, in deren Bereich das, was wir unter Sinn, Vernunft, Wahrheit verstehen, nicht gelten soll, was ja eine pure Selbstverständlichkeit ist, indem Denken immer 255