Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Vernunft und Offenbarung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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M. Wiener ihm erleuchtet, ein Prophet; oder er beugt sich der Autorität derer, an deren Erleuchtung er glaubt „Erleuchtung" wird von uns in jenem massiven Charakter aufgefaßt, wie Moses oder Jesaias in den wunderbar gewirkten Erscheinungen die Offenbarung zu empfangen meinten, wie Mohammed den Himmel offen sah oder die Jungfrau von Orleans die Stimmen ihrer heiligen Fürbitter vernahm. Es handelt sich um das Wunder in seinem ganzen brutalen Begriff, wie es die Einheit der „natürlichen" gesetzlich geregelten Seinsordnung sprengt, in die Gleichmäßigkeit des berechenbaren Laufes der Dinge eine Lücke reißt und durch diese Bresche den Strahl himmlischen Lichtes in die grundsätzlich überschaubare Region des Diesseits sich hineingießen läßt Religion und Wunder gehören aufs innigste zusammen. Jene wäre nie entstanden, wenn nicht Ahnung oder Vermutung oder Überzeugung von einem Dualismus des Seienden überhaupt die Gemüter der Menschen erfaßt, und wenn sich nicht die Realisierung des Höheren, des Jenseitigen, des Göttlichen auf irdischem Schauplatz als etwas von allem sonst Erlebbaren Verschiedenes, als absolut anders, unvergleichlich, geheimnisvoll dargestellt hätte. Die nivellierende Einbeziehung Gottes in das Gesamtsein der Welt vernichtet seinen religiösen Charakter. Selbstverständlich ist dem Gläubigen Gott die Ursache der Welt, ihr Anfang und ihr Ziel. Aber wenn er weiter nichts ist als das, so ist er ihm noch lange nicht Gott Nachdem Aristoteles seinen einzigen, einigen, vollkommenen, allweisen, unwandelbaren Gott als höchstes Ziel und so als Grund alles Seins und Werdens installiert hatte, haben die Frommen aller Religionen in feinem Takt sofort herausgefunden, was ihn von dem höchsten Herrn in Koran und Bibel unterschied, und was ihm fehlte. Er konnte sich nicht in besonderer Weise offenbaren, der Mensch wußte im Grunde vorher, was dieser höchste Geist tut, getan hat und tun wird; von ihm konnte man nicht überrascht werden. Er war zwar jenseits der Welt; aber dieses Jenseits war eine geradlinige Fortsetzung des Diesseits, durch eine willkürliche Grenze von ihm geschieden, wie die Menschen Grenzen auf der Karte ziehen. Und alle Nachfolger dieses Gottes, welche die Philosophen ersonnen, haben immer das gleiche Schicksal gehabt: Man mißtraute nicht den scharfsinnigen Beweisen; aber man empfand, auch wenn man den Verdacht nicht begründen konnte, daß hier doch eigentlich etwas andres gemeint war, wie man selber glaubte und wollte. Friedrich Heinrich Jacobi wird schon Recht behalten mit seinem Wort: Ein bewiesener Gott ist kein Gott; was Jehuda ha-Lewi so 254