Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 244 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen Fichte hat mit umfassendem Scharfblick Machiavelli zeitgeschichtlich und psychologisch zu verstehen gesucht. Der Dualismus von Vernunft und Wirklichkeit wird bei Fichte überwunden durch das Handeln nach dem Ideale der Vernunft. „Die ewigen und unerschütterlichen Grundfesten aller gesellschaftlichen Ordnung, gegen welche durchaus kein Staat verstoßen darf", sind Menschenrecht, Freiheit und ursprüngliche Gleichheit Aller. Sein auf geistigen Voraussetzungen aufgebauter Gedanke vom Nationalstaat als einer durch Sprach- und Schicksalsgemeinschaft verbundenen staatlichen Volkseinheit ist im Laufe des 19. Jahrhunderts zu der modernen Form des Nationalismus vergröbert worden. Aufs stärkste von Fichtes geschichtsphilosophischer Auffassung beeinflußt ist Deutschlands größter Historiker, Ranke, der die Staaten auffaßt als „Individualitäten, originale Schöpfungen des Menschengeistes — man darf sagen, Gedanken Gottes". Tief ist Ranke durchdrungen von der Empfindung für die „ewigen Gesetze der moralischen Weltordnung", und aus diesem Grunde sieht er auch in der politischen Macht immer etwas Geistiges, die Bewegung der Weltvernunft. In Bismarck vollzog sich dann eine großartige Vereinigung der alten Staatspraxis der Kabinette und der neuen liberal-demokratischen Staatsauffassung, die zwar nicht der Ausfluß seines innersten geistigen Wesens, wohl aber seiner genialen staatsmännischen Berechnung und Realpolitik war. „Er erblickte in der parlamentarischen Kontrolle der Kabinette einen heilsamen Ansporn, die Machtpolitik des Staates auf die Wahrung seiner eigensten wohlverstandenen Interessen zu beschränken." So brachte er durch kluge Vorausberechnung der diplomatischen Möglichkeiten jenes System der Bündnisse zustande, auf welchem in dem von ihm beherrschten Zeitalter der Friede Europas beruhte. „Niemals waren die Grenzen der Staaten liberaler gegeneinander geöffnet, der internationale Verkehr bequemer, die Sekurität der Weltreisenden größer als in dem letzten Jahrhundert vor dem Weltkriege." Das gesicherte Vertrauen auf die ruhige Weiterentwicklung der abendländischen Menschheit wurde ins Wanken gebracht durch die sich übersteigernde Industriealisierung. Die mehr und mehr überhandnehmende Rationalisierung und Technisierung des Lebens erstickte vielfach die edleren Regungen höheren Menschentums und ließ die Menschen zur seelenlosen Alltagsmaschine im viehädrigen Organismus des modernen Staats- und Wirtschaftsbetriebes werden. Andererseits brachte das 19. Jahrhundert mit seiner hochgesteigerten Technik und Kapitalkraft drei neue Gewalten, die die Machtpolitik der großen Staaten ins Ungemessene zu steigern drohten, gleichzeitig dabei freilich die kleineren Staaten entweder zertrümmerten oder in Bedeutungslosigkeit versinken ließen: 1. Militarismus, 2. Nationalismus, 3. Kapitalismus. Von diesen drei Gewalten heißt es bei Meinecke: „Diese drei Gewalten haben die europäischen Großmächte zuerst auf die Höhe ihrer Macht und dann in einen Abgrund geführt, der auch den europäischen Siegern unter ihnen noch verhängnisvoll werden kann." Die europäische Staatenfamilie, von der man einst sprach, droht auseinanderzufallen. Dunkel und deshalb für den Staatsmann gefährlich liegt die Zukunft Europas vor uns. Die Idee der Staatsräson als Ausdrucksform politischer Kräfte und Ziele macht heute eine schwere Krisis durch. Das ist in wesentlichen Zügen der Inhalt des Meineckeschen Werkes, welches in drei Kapiteln 1. Das Zeitalter des werdenden Absolutismus, 2. Das Zeitalter des reifen Absolutismus, 3. Machiavellismus, Idealismus und Historismus im neueren Deutschland die Geschichte der Staatsräson darstellt, d.h. das Verhältnis von Machtstaat und Sittengebot. Am Schluß seiner gedankenreichen Ausführungen legt der Verfasser sein eigenes Glaubensbekenntnis in dieser Frage ab, das eine deutliche Absage enthält an die Machtstaatsidee und in einem warmherzigen Bekenntnis zum Gedanken des Völkerbunds gipfelt. „Wir müssen uns hüten vor der falschen Idealisierung der Machtpolitik und der falschen Vergötterung des Staates. Bejahen müssen wir aber seinen hohen Lebenswert. Der Staat soll sittlich werden und nach der Harmonie mit dem allgemeinen Sittengesetz streben, auch wenn man weiß, daß er sie nie ganz erreichen kann, daß er immer wieder sündigen muß, weil die harte, natur- 244