Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 243 (sequence 1)
- Language
- German
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Besprechungen Friedrich Meinecke, Die Idee der Staatsraison in der neueren. Geschichte. München und Berlin IQ24- R- Oldenburg- (564 Seiten, broschiert Mk. 10.—.) So alt wie der Staat ist das Problem: Staat und Sittlichkeit, Politik und Moral. Die größten Denker aller Zeiten, von Plato bis Kant, haben mit dieser auch heute noch ungelösten Frage gerungen, und die außen- und innerpolitische Geschichte aller Staaten ist erfüllt von dem ewigen Ringen der Staatsmänner um eine den sittlichen Idealen entsprechende Gestaltung des Staatslebens. Aus dem ewigen Widerstreit von Ideal und Wirklichkeit erklärt sich die Hartnäckigkeit und Heftigkeit aller politischen Kämpfe. Diesen mit dem Kulturleben der Nationen eng verflochtenen Pfaden geht der Berliner Historiker Friedrich Meinecke nach in seinem neuen Buche: Die Jdee der Staatsräson in der neueren Geschichte. Wenn wir Meinecke auf seinem Gang durch die neuere Geschichte begleiten, so sehen wir, wie zwei Grundtriebe das Handeln der Menschen bestimmen: Utilitarische und ideale Motive, die sich in der konkreten Wirklichkeit des Staats- und Völkerlebens gegenseitig durchdringen und niemals für sich allein in absoluter Reinheit vorkommen. Dem Staate eigentümlich und wesentlich ist die Macht; ohne diese kann kein Staat bestehen, so wenig, daß die meisten Staaten der Versuchung der Macht erliegen und sich lediglich machtpolitisch orientieren, eine Quelle unzähliger Kriege in der Weltgeschichte. Dieser unsauberen Praxis der sogen. Staatskunst entspricht eine vielfach unsaubere Theorie des staatlichen Lebens, wie sie uns in der neueren Geschichte zuerst entgegentritt in dem umfassenden machtpolitischen System des Florentiners Machiav e 1 i i , der in seinem „Evangelium der politischen Gewissenlosigkeit" Recht, Glauben, Treue und Religion in den Dienst des staatlichen Machtgedankens stellt und so theoretisch die politische Praxis und die sittliche Skrupellosigkeit der ober- und mittelitalienischen Stadtstaaten des i5. Jahrhunderts rechtfertigt. Ganz anders geartet als dieser reine Macht-- staat ist die Staatsidee des Niederländers Hugo Grotius, die auf dem Glauben an die Menschheit und an die Solidarität der christlichen Völker die Idee des Rechtsstaates aufbaut. In der kühlen Seeluft des englischen Inselreiches aber wird der Staat von H o b b e s erfaßt als ein Produkt gegenseitiger Furcht. Diese zwingt die Menschen zu dauernden Verbindungen und zur Errichtung einer möglichst starken Staatsgewalt. Hier also findet sich die philosophische Rechtfertigung der zeitgenössischen politischen Verfassungsform des Absolutismus. Die Aufklärung bringt den großen Bruch mit der Vergangenheit, freilich vielfach nur in der Theorie, wie bei Friedrich dem Großen, der in seinen staatsphilosophischen Schriften der Idee der Gerechtigkeit dient, der aber in der Praxis seiner Regierungsführung aus Gründen der Staatsräson machtpolitisch handeln mußte, so daß er einmal voller Resignation bekannte, er sei stolz darauf, ein Mensch gewesen zu sein, bevor er König geworden wäre. „Das Ideale", sagt Meinecke, „wich dem Elementaren im Handeln des Königs, aber behauptete sich in seinem Denken." Ideengeschichtlich steht Friedrich an der Schwelle einer neuen Zeit, die mit der französischen Revolution den Staat von unten her neu aufbaut, rationalistisch, nach Zwecken geordnet. Während aber hier das Individuum zum Träger der staatlichen Vernunft wird, faßt Hegel den Geschichtsverlauf als solchen als Träger und Interpret der Vernunft auf. „Nur durch Macht wird ein Staat wirklich ein Staat." So kommt Machiavelli seit Beginn des 19. Jahrhundets in Deutschland wieder zu Ehren in der Hegelschen Vergötterung des Staates, wenn er sagt: .Allen Wert, den der Mensch hat, alle geistige Wirklichkeit hat er allein durch den Staat." Die gradlinige Fortsetzung dieser Theorie findet sich bei dem deutschen Historiker, der den Gedanken des Machtstaates im kaiserlichen Deutschland am entschiedensten vertreten hat, bei Treitschke; aber auch ihm ist die Macht schlechthin nicht Selbstzweck, son-" dem „der Staat ist Macht, um die höheren Güter der Menschen zu schützen und zu befördern". Daher wünscht er zwar nicht das völlige Aufhören der Kriege, wohl aber aus „unabweisbaren sittlichen und wirtschaftlichen Gründen" eine Verminderung und Verkürzung der Kriege. 243