Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 235

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Die Bedeutung der kommenden Volkszählung für das deutsche Judentum
Date
1925-06-01
Page
235 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895451-2895454-2895909--00273-2896044
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Bedeutung der kommenden Volkszählung für das deutsche Judentum wissenschaftliche Erkenntnis zu den Aufgaben der soziologischen Forschung gehört Die Religion beeinflußt ferner die ganze Denk- und Handelsweise des Menschen aufs tiefste bis in die Einzelheiten des bürgerlichen Lebens hinein, und darum können manche Vorgange der Bevölkerungsbewegung, auch moralstatistische Erscheinungen ohne die Differenzierung der Bevölkerung nach dem Religionsbekenntnis nicht richtig verstanden werden, wie z. B. bei der Kriminalstatistik. Deshalb begrüßen wir es mit Freuden, daß bei der diesmaligen Volkszählung wie bisher nach der Konfession gefragt wird. Eine solche gestaltete Statistik muß aber auch entscheiden, ob die Angriffe auf die deutsche Judenheit, im Weltkriege nicht genügend Opferwilligkeit gezeigt zu haben, sich begründen lassen. Als Unterlage für diese Beschuldigungen dient die vom preußischen Kriegsministerium im Jahre 1916 veranstaltete Statistik über die militärischen Dienstverhältnisse der Juden im Kriege, die eine reine Verwaltungsmaßnahme darstellen sollte, dann aber auf nicht bekannte Weise in die Öffentlichkeit durch rechts gerichtete Kreise gebracht wurde. Auf den Ergebnissen dieser Rumpf-Statistik aus einer weit zurückliegenden Zeit wurden Analogieschlüsse aufgebaut, die in tendenziöser Weise zu Ungunsten der deutschen Juden in Wort und Schrift ausgelegt wurden. Dabei hat sich herausgestellt, daß die Zahl der Gefallenen erst neuerdings richtiggestellt werden mußte. In einer der letzten Nummern des Reichsarbeitsblattes wird amtlich mitgeteilt, daß die Toten im Felde die Zahl zwei Millionen überschritten habe, während man bisher nur mit 1 800 000 rechnete, und heute noch sterben täglich Leute an den Nachfolgen des Krieges. Dazu kommt noch die weitere eine Million betragende Zahl von Gestorbenen aus der Zivilbevölkerung, die während des Krieges und nach dem Kriege an den Folgen der Hungerblockade, der Unterernährung, der Erschöpfung zugrunde gegangen ist Rechnet man die Menschenverluste der frühzeitig Dahingerafften aus der Front und Heimarmee zusammen, dann wird sich ein annähernd gleicher Opfermut bei allen Volksteilen unseres Vaterlandes ergeben, und ein Grund des Hasses gegen das deutsche Judentum wird ausgemerzt werden. In meiner Broschüre „Die deutschen Juden in Zahl und Bild", habe ich schon graphisch und zahlenmäßig nachgewiesen, daß die deutschen Juden während der Kriegszeit hinsichtlich der natürlichen Bevölkerungszunahme viel schlechter als die gesamte Bevölkerung abschneiden. Bei ihnen erstreckt sich ein Überschuß von Toten über Geborene fast über die ganze Kriegszeit hinweg, während bei der deutschen Ge- 235

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.