Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Die Bedeutung der kommenden Volkszählung für das deutsche Judentum
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 236 (sequence 4)
- Language
- German
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J. Rothholz samtbevölkerung nur für eine kurze Spanne bei Beginn des Krieges gleiches der Fall war. Und diese Resultate werden zweifellos durch die Volkszählung bestätigt werden. Der ungünstige Altersaufbau der jüdischen Gemeinschaft wird sich weiter verschlechtert haben und diese Feststellung kann nicht genug ins Auge gefaßt werden. Dabei sollen wir nicht vergessen, daß durch den Krieg und infolge des Krieges rein biologisch betrachtet eine völlige Umschichtung und Umwandlung der Gesamtbevölkerung, auch der jüdischen, physisch und psychisch in allen am Krieg beteiligten Ländern, insbesondere aber in Deutschland, vor sich gegangen ist Die Blüte körperlicher Tüchtigkeit ist hinweggerafft und weit über zwei Millionen der besten, der kräftigsten, der körperlich tüchtigsten im zeugungsfähigsten Alter stehenden Männer der ganzen deutschen Bevölkerung, und auch der deutschen Juden mit eingeschlossen, sind dahingegangen. Die Folge davon ist eine völlige Verschiebung im Zahlenverhältnisse der Geschlechter zugunsten — oder wenn man will — zu Ungunsten des weiblichen Geschlechts, das, was Krankheit in Beruf usw. anlangt, viel anfälliger und viel mehr den Gefahren ausgesetzt ist, als das männliche. Erst die Volkszählung und noch mehr die Berufszählung werden einen Einblick gestatten, in welchem Ausmaße die jüdischen Frauen im und nach dem Kriege industrialisiert und proletarisiert worden sind. Die Haustochter, die in der Friedenszeit im jüdischen Mittelstande vorherrschte, dürfte jetzt zu den Seltenheiten und Ausnahmen gehören, und nicht gering wird auch die Zahl der hinterbliebenen Witwen sein, die durch den Krieg und die Inflation zur Aufnahme eines Berufes gezwungen wurden. Gerade über die Umschichtung der jüdischen Frauen im Erwerbsleben werden die Resultate der Zählungen ein Licht verbreiten, das mancher Volks Wirtschaftler nicht angenehm empfinden, das aber über die neue Struktur der jüdischen Gemeinschaft in den letzten zehn Jahren in allen Kreisen nachzudenken veranlassen wird. Noch eine Frage sei gestreift, welche in den letzten Jahren so oft zu erregten Debatten führte. Von bestimmten rechtsradikalen Kreisen wurden märchenhafte Zahlen über die Durchsetzung der deutschen Bevölkerung durch ostjüdische Einwanderer verbreitet Wie weit diese Zahlen zutreffen, darüber muß uns die neue Zählung aufklären, wir halten sie für übertrieben, aber es genügt nicht nur den Umfang der Einwanderung festzustellen, sondern es müssen auch die Berufe eruiert werden, in denen die Zugewanderten beschäftigt werden. 236