Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Das "Judaistische Institut" in Jerusalem
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 231 (sequence 6)
- Language
- German
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Das „Judaistische Institut" in Jerusalem Zeit der Selbständigkeit des jüdischen Staatswesens nur im Zusammenhang mit der allgemeinen Geschichte des Altertums verstanden werden; in der Diaspora vollends bildet sie einen Teil der Geschichte des betreffenden Landes, man könnte beinahe ein bekanntes Wort variieren: „Wer Geschichte der Juden treiben will, darf nicht Geschichte der Juden treiben", ihr rechtes Verständnis wird sich ihm nur aus der allgemeinen Geschichte erschließen. All diese Bedenken betreffen zentrale Gebiete, deren Boden sich so stark mit den Aufgaben der jüdisch-wissenschaftlichen Forschung deckt, daß diese die Arbeit auf sich nehmen muß, die Grundlagen dieser Wissenschaften sorgfältig zu ergründen. Nun aber hat sich unsere Auffassung von den Aufgaben der Wissenschaft des Judentums stark verändert, für uns ist sie nicht mehr, wie etwa für Zunz und Steinschneider, gleichbedeutend mit der Wiederbelebung der Vergangenheit und der Erschließung toter Schriftdenkmäler, für uns ist sie nicht Archäologie, sondern Erforschung eines lebendigen Organismus. Das Ziel bleibt die Erkenntnis des gegenwärtigen Judentums, das freilich in der Vergangenheit seine Vorstufen, aber in der organischen Entwicklung sein« Bedeutung hat Da meldet sich eine Reihe Gegenwartsfragen mit Macht, von denen hier nur genannt seien: die soziologische Gestalt, die anthropologische Zugehörigkeit, die kulturelle Leistungsfähigkeit der Juden mit allen ihren Verschlingungen und Verzweigungen. Schon die Probleme der Soziologie und der jüdischen Kunst erfordern so zahlreiche und spezielle Fachkenntnisse, daß sie der Judaistik nicht auferlegt werden können. Vollends aber eine Frage von so hoher Aktualität wie die Rassenfrage, würde diese Wissenschaft mit einem so schwierigen und verwickelten Problemkomplex belasten, daß sie unter der Last erliegen oder sich dilettantisch auf die Arbeit anderer stützen müßte. Gerade nach dieser Richtung hin durften wir auf die Universität Jerusalem die stärksten Hoffnungen setzen. Man durfte erwarten, daß hier der ideale Zustand erstrebt würde, daß jede Fachwissenschaft innerhalb ihres Gebiets, von ihren Problemen aus und nach ihren Methoden den jüdischen Anteil erforschen würde. Man durfte erwarten, daß eine jüdische Universität nicht, wie es in der Wissenschaft heute vielfach geschieht, zum Schaden des Judentums Tatsachen vernachlässigen oder tendenziös bearbeiten würde, die auf das Judentum Bezug haben. Soll diese Hoffnung zu schänden werden? Soll wirklich in Jerusalem dauernd auf eine geisteswissenschaftliche Fakultät Verzicht geleistet und der Judaistik der Platz an der Sonne der Universitas litterarum nicht ge- 231 15*