Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Das "Judaistische Institut" in Jerusalem
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 230 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895454-2895908--00267-2896039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I. Elbogen eintraten und an allen wissenschaftlichen Bestrebungen teilnahmen, trat die Scheidung ein, daß die Erforschung jüdischer Dinge, denen die Welt wenig Verständnis entgegenbrachte, ein jüdisches Reservat blieb, gleichzeitig aber auch in den westlichen Ländern sich mehr und mehr auf die Rabbiner beschränkte. Für die Pflege der jüdischen Wissenschaft und die Heranbildung des rabbiniscben Nachwuchses Sorge zu tragen, blieb Aufgabe der Judenheit; da an den öffentlichen Universitäten kein Platz dafür eingeräumt wurde, machte man aus der Not eine Tugend und schuf eigene derartige Institute. Freilich immer mit dem Bewußtsein, daß hier nur eine Notlösung vorlag und die Verbindung mit der allgemeinen Wissenschaft niemals aufgegeben werden durfte. Diese durch die Verhältnisse den Juden aufgedrängte Selbsthilfe mußte nun als Vorbild für das neue Institut dienen, obwohl gerade an der Universität Jerusalem die Möglichkeit gegeben wäre, eine freie selbständige Entwicklung der jüdischwissenschaftlichen Forschung anzubahnen. Darüber konnte seit geraumer Zeit kein Zweifel bestehen, daß diejenigen Disziplinen, die Leopold Zunz unter dem Namen „Wissenschaft des Judentums" zusammengefaßt hat, den alten Rahmen — ganz gleich, ob man ihn als Philologie oder als Theologie spannte — längst gesprengt haben. Gerade aus diesem Grunde hat man neuerdings vielfach der Bezeichnung Judaistik als Inbegriff aller Judaica den Vorzug gegeben. Allein welchen Namen man auch immer wählen mag, darüber besteht Einstimmigkeit, daß die einzelnen Fächer dieser Studien nicht durch den Begriff der Wissenschaft zu einem Ganzen verbunden, sondern nur zum Zwecke der Lösung einer praktischen Aufgabe vereint sind. Die Mehrzahl unter den verschiedenen Disziplinen, die ein judaislisches Institut zu erforschen hat, haben ursprünglich in anderen Wissensgebieten ihren Platz. Hebräische und aramäische Sprachwissenschaft sind Ausschnitte aus dem Gebiete der semitischen Philologie, und eben dahin gehört die hebräische oder aramäische Literatur, wenn auch die Erforschung der Bibel um ihrer Bedeutung willen ein Hauptfach der Theologie geworden ist Der Talmud gehört, wenn man vom Sprachlichen absieht und den Inhalt betrachtet, in die Rechts-, Religions-, Kulturgeschichte usw. Und es wäre an der Zeit, einmal das Studium des Talmuds unter Aufteilung des unermeßlichen Stoffes auf eine neue Grundlage zu stellen! Philosophie und Religionswissenschaft des Judentums können nur als Sondergebiete der allgemeinen Philosophie und Religionswissenschaft Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sein. Geschichte der Juden endlich, das Schoßkind der modernen jüdischen Forschung, kann schon in der 230