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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 229

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Das "Judaistische Institut" in Jerusalem
Date
1925-06-01
Page
229 (sequence 4)
Language
German
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Das „Judaistische Institut" in Jerusalem Tatsachen, an denen nicht achtlos vorübergegangen werden kann; hier hilft kein Mundspitzen, hier muß gepfiffen werden. Es ist auch nichts damit erreicht, daß man Vorlesungen und Übungen über „die Bibel" ausschließt, die Probleme sind damit nicht beseitigt Seltsamerweise hat man Vorlesungen über die Bibelübersetzungen zugelassen, und sie sind unmöglich durchzuführen, ohne daß Fragen der biblischen Textkritik berührt werden. Auch die historische Topographie von Palästina, die man mit Recht gleich im ersten Semester zum Vortrag gebracht hat, läßt sich nach wissenschaftlicher Methode nicht behandeln, ohne daß zu den biblischen Quellen kritisch Stellung genommen' wird. Dieselben Schwierigkeiten werden sich bei jeder Vorlesung über Fragen der Landeskunde wiederholen; immer wieder wird man auf in der Bibel berührte Probleme stoßen, in denen die biblische Überlieferung und die moderne Wissenschaft nicht restlos übereinstimmen. Es wird auch an anderen Konflikten dieser Art nicht fehlen. Welche Lösung ist auf dem Boden der Wissenschaft dafür zu finden? Sicherlich nur die eine, daß Gelegenheit zu ihrer Untersuchung auf Grund ernster, nach allen Seiten gerichteter wissenschaftlicher Studien, daß uneingeschränkte Freiheit, ja sogar Verpflichtung zu einer bis ans Äußerste der menschlichen Kraft reichenden Forschung gewährt wird. Eine solche aber kann nur an der Universitas litterarum erfolgen, wo das gesamte Gebiet der Wissenschaften einheitlich gepflegt und nicht eine Gruppe von Studien ausgesondert wird. Hier liegt die Wurzel des Übels, daß man das judais tische Institut von der Universität losgelöst und zu einem Sonderdasein verurteilt hat Seltsam genug, während an den alten Universitäten sich immer energischer die Erkenntnis bahnbricht, daß diese Studien in die Universität gehören, werden sie an der neuen jüdischen Universität von der frischen Luft, von der Bewegungsfreiheit der Universität ausgeschlossen und gewissermaßen in ein Ghetto verwiesen. Das widerspricht der jüdischen Überlieferung ebenso sehr wie der wissenschaftlichen Methodik. Es war der Stolz des Judentums, daß es seit seiner ersten engeren Berührung mit der allgemeinen Wissenschaft die geistige Forschung als Einheit betrachtete, sie in allen Zweigen aus einem Geiste heraus pflegte, eine doppelte Wahrheit nicht anerkannte. Man mag die wissenschaftliche Forschung nicht zu allen Zeiten und an allen Orten in ihrer Ganzheit betrieben haben, man hat aber nie an der Zusammengehörigkeit all ihrer Zweige gezweifelt, hat jede Art geistiger Arbeit als heilige Aufgabe gewürdigt Erst als die Juden vor eineinhalb Jahrhunderten in die moderne Kulturgemeinschaft 229 15

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