Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Shylock - Nathan - Judith
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 224 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bai) Elenden, auch im Namen seines armen stummen Bruders Daniel, daß man die Tore öffne. In diesem Augenblick sprengt ekstatischer Wille die Stummheit des Daniel; er ruft: „Steinigt ihn!" und, vom Wunder angerührt, steinigt das Volk auch wirklich den Assad. Daniel rast in der Ekstase des Propheten, aber in dem Augenblick, wo er erfährt, daß auf sein Wort hin der Bruder wirklich getötet wurde, der Bruder, der inn treu und. liebevoll gepflegt hat, verläßt ihn plötzlich die Kraft, er verstummt, er kann nur noch stöhnen und wimmern; da erklärt Samaja, ein Freund des Getöteten, dies sei Beweis, daß Daniel kein echter Prophet und der Getötete im Recht gewesen sei: „Könnt Ihr glauben, daß der Herr die Stummen reden macht, damit sie Brudermörder werden?" Da greift nun Judith ein und erinnert an das Gefühl „heiliger Vernichtung", das alle bei den Worten des Stummen durchschauert habe. Aber mit der großartigsten Kraft naturalistischer Logik antwortet Samaja: „Was gegen die Natur ist, das ist gegen Gott" Ich glaube, hier sind wir im Herzpunkt des Dramas und zugleich im Kern dessen, was Hebbel hier über jüdisches Wesen zu sagen hat Denn jüdisch ist es, auf dieses starke Wort, das für viele Menschen ein letztes, entscheidendes Wort wäre, noch eine Antwort, zu wissen. Judith antwortet: „Willst du dem Herrn den Weg vorschreiben, den er wandeln soll? Reinigt er nicht jeden Weg dadurch, daß er ihn wandelt?" In diesen Worten liegt die Sonderart, mit der sich das Grundwesen des Menschlichen im Jüdischen darstellt Die ganze Kraft und die ganze Gefahr, die besondere Tragik des jüdischen Wesens lebt in dieser Antwort, die das Natürliche als letzte Instanz zu leugnen wagt, um sich mit ekstatischem Aufschwung dem Glauben an einen naturüberlegenen Geist hinzugeben, der alle bis dahin bekannten Formen der Natur überwinden, umschmelzen, ungültig machen kann. Das eben ist ja Judiths Tragödie, ihr unausweichlich erhabenes Schicksal, daß sie um einer erhabenen Idee willen glaubt, das Natürliche vollkommen überwinden, vernachlässigen zu können. Indem aber als Träger eines solchen Schicksals, solcher wesentlichen Variation des rein Menschlichen zum erstenmal ein Jude eingesetzt wird, ist jenes dritte Zeugnis gegeben, von dem ich sprach. Ein germanischer Dichter, und zwar ein in besonders starkem Sinne germanischer Dichter, bezeugt hier, daß er den Juden nicht nur als einen Menschen und nicht nur als einen auch zu höchstem Streben fähigen Menschen empfindet, sondern daß er die ganz besondere Art jüdischen Strebens, jüdischen Weltgefühls, jüdischen Gottsuchens als eine geschichtlich bedeutsame Ausprägung eines allmenschlichen Grund- 224