Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Shylock - Nathan - Judith
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 223 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895454-2895907--00259-2896032- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Shylock — Nathan — Judith liehen Gefühl, das erst die Romantik in die Welt gebracht hat, so weit beherrscht, daß es ihn reizt, in zwei verschiedenen Völkergruppen zwei verschiedene historische Grundgewalten als Variationen seines Themas anschaulich zu machen. Es ergibt sich, daß er nicht um eines zufällig ergriffenen Stoffes willen seine Heldin als eine Jüdin auftreten läßt, sondern daß der Kontrast von Judentum und Heidentum für ihn höchste Bedeutung hat Er sagt von Holofernes: er wollte in ihm darstellen „eine jener ungeheuerlichen Individualitaten, die, weil die Zivilisation die Nabelschnur, wodurch sie mit der Natur zusammenhingen, noch nicht durchschnitten hatte, sich mit dem All fast noch eins fühlten und. aus einem dumpfen Polytheismus in die frevelhafteste Ausschweifung des Monotheismus stürzen, jeden ihrer Gedanken ihrem Selbst als Zuwachs vindizierten und alles, was sie ahnten, zu sein glaubten". Und er sagt an anderer Stelle von Judith: „Judith ist der schwindelnde Gipfelpunkt des Judentums, jenes Volkes, welches mit Gott selbst in persönlicher Beziehung zu stehen glaubte." Es ist natürlich auch keineswegs gleichgültig, daß Hebbel diese entgegengesetzten Typen tragischen Überschwangs in einem Mann und einer Frau verkörpert; Holofernes will sein Ich dem Göttlichen gleichmachen, indem er alle anderen Individuen zu seiner bloßen Nahrung macht, sie gleichsam verschlingt; er wird von dem ersten Individuum erschlagen, das seinen eigenen Grundwert gegen ihn zu behaupten weiß. Judith will im Göttlichen aufgehen, indem sie ihr Ich vollkommen opfert, sie springt, wie sie es mit den ersten Worten in ihrer Traumerzählung sagt, „in den Ewigen hinein" — aber sie ist ihm zu schwer, er kann sie nicht halten; — sie will nichts als völlig entselbstetes Schwert des Herrn sein, um den Feind ihres Volkes zu töten, und muß erleben, daß sie als ein liebendes, mißbrauchtes, rachesuchendes Weib einen höchst persönlichen Mord begeht — nicht weniger gescheitert, nicht weniger innerlich vernichtet, als ihr Opfer. Man kann sicher diese passive Art des Überschwangs die charakteristisch weibliche nennen, aber es bleibt trotzdem ersichtlich, daß sie für Hebbel auch eine spezifisch jüdische gewesen ist — diese Art, in lebensunmöglicher Entselbstung das Absolute zu suchen. Das erweist sich dadurch, daß Hebbel als seelischen Untergrund, als Begleitung und Verstärkung seiner Judith im dritten Akt, dem großartigsten von allen, das jüdische Volk auf die Bühne bringt, aus dessen innerster Kraft sich ein Schicksal erhebt, das der Tragödie der Judith vollkommen parallel ist: Holofernes hält die Stadt umschlossen, die Bürger sind ausgehungert und verzweifelt, da erhebt sich Assad und fordert im Namen der Hungernden und 223