Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Shylock - Nathan - Judith
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 222 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab daß ein derartiger Wahn sich zuweilen unter den Juden wie unter allen Menschengruppen regt Aber dieser jüdische Wahn, die großen Grundkräfte der Menschheit in einem vorzüglicheren Maß zu besitzen als irgend eine andere Menschheitsgruppe, scheint mir genau so verwerflich, genau so gefährlich für die Harmonisierung des jüdischen Lebens in Europa, wie der antisemitische Wahn von der grundsätzlichen Minderwertigkeit des jüdischen Menschentums. Also ganz gewiß nicht nach einer Gesinnung, die eine grundsätzliche Überlegenheit jüdischen Wesens feststellt, kann noch in den Zeugnissen dramatischer Dichtung geforscht werden. Was der große Wahrheitsbeweis der Kunst überhaupt noch erbringen kann, wäre höchstens eine Art- Erkenntnis: Verständnis und Anerkenntnis der Tatsache, daß sich die großen Kräfte des ewig Menschlichen bei den Juden in einer gewissen anderen, nicht überlegenen oder vorzuziehenden, aber jedenfalls in einer ganz besonderen Art entfalten, in einer Art, die für die Geschichte des Menschentums ihre besondere Bedeutung hat Denn gerade eine derartige Erkenntnis lag Lessing ganz fern. Dazu war er viel zu sehr Sohn der Aufklärung. Ihr und auch noch der deutschen Klassik kam alles darauf an, die erhabene Gleichheit aller menschlichen Erscheinung nachzuweisen, das „Urphänomen", das ewig Gleiche im Menschen sichtbar zu machen. Der Sinn für das Historische, d. h. für die bedeutsamen Unterschiede, in denen sich dies ewig Eine offenbart, fehlte diesen Generationen. Dieser Sinn ist im wesentlichen erst mit der Romantik erwacht, ja er ist ihr großer bleibender Gewinn, der auch jenen zuteil wird, die sich dem geistigen Grundwesen der Romantik zu entziehen trachten, die wider ihre mittelalterlich-schwärmende Hingabe an das Unbedingte, ihre Verherrlichung des Jenseits und Ironisierung des Diesseits ankämpfen. — Zwei Menschenalter nach „Nathan dem Weisen" schreibt Friedrich Hebbel sein Erstlingswerk „J u d i t h", das im geistigen Umriß für den Mann und sein Lebenswerk schon vollkommen repräsentativ ist Der Überschwang des Individuums, das sich gerade in seiner gewaltigsten Entfaltung über jede Schranke hinweg ins Allgemeine, Unbedingte, Gottliche stürzen will, wird dargestellt an Judith und Holofernes, in einer männlichen und einer weiblichen Variation, — wird dargestellt mit der tragischen Betonung eines unvermeidlichen Untergangs. Denn für Hebbel ist in antiromantischer Weise die individuelle Form ein ebenso notwendiges, so göttliches Element des Seins, wie der Gemeinschaftsdrang über diese Form hinweg. Aber während Hebbel so eine ganz allgemein gültige Menschentragödie von antiromantischer Tendenz formuliert, ist er doch von jenem geschicht- 222